256.3.1.1. Becker, Heinrich August

Becker I

256.3.1.1.      Becker, Heinrich August
Sohn von Johann August Becker, Papiermacher in Herzberg, dann in Weende, und Johanne Dorothee geb. Rohrmann, verw. Fueß
“Papierfabricant” in Weende ab Frühj./Sommer 1800;
geb. Herzberg 27.05.1780
gest. Weende 05.11.1821    (“Vita dissoluta praecipue ebritati dedita eum destruxit”)
verh .Moringen 29.04.1808  mit:
Düvel, Marie Louise
Tochter des Georg Ludwig Düvel, angesehener Papierfabrikant in Moringen.
geb.  Moringen  err. 1787
gest. Weende 09.02.1836 (Gallenfieber) 49 J. alt
3 Söhne u. 2 Töchter in Weende geboren.

“ Der “Herr Papierfabricant Heinrich August Becker” [1] war am 27.Mai 1780 in Herzberg geboren und demnach beim Antritt der “hier nahe belegenen Papiermühle”  [Weende, 1800] noch nicht volle 21 Jahre alt. Außerdem fielen seine ersten Meisterjahre in die “bekanntlich äußerst geldarmen” und für viele der “einländischen Papierfabricanten” so besonders “nahrungslosen” Zeiten des beginnenden 19.Jahrhunderts.

Gleichwohl mag Heinrich August Becker in diesen ersten Jahren noch allen guten Willens gewesen sein, den nun schon rund 70 Jahre bestehenden Familienbetrieb so, wie einem “vorachtbaren und kunsterfahrenen Meister” zukam, fortzuführen. Noch im Sommer 1806, kurz vor der Schlacht bei Jena und Auerstädt (14.Oktober 1806), derzufolge nach dem Tilsiter Frieden mit Dekret Napoleons vom 7.Dezember 1807 auch Südhannover dem für Napoleons Bruder Jérome errichteten Königreich Westphalen zugeschlagen wurde, war seine Werkstatt mit “2 ausländischen und 2 einländischen Gesellen” sowie einem “einländischen Lehrburschen” überdurchschnittlich besetzt. Zwei Jahre später gab Becker für das schon erwähnte “Tabellarische Verzeichnis sämtlicher im District Göttingen befindlichen Papier-Mühlen” an, daß sich der jährliche Überschuß seiner Mühle bei Verfertigung “mehrerer Sorten von Schreib- und Maculatur- Papier” auf etwa 100 Rthlr belaufe, doch litt es nach Ansicht des Amtes Harste “keinen Zweifel, daß selbiger bisher höher gegangen [sei] und noch beträchtlicher werden” könne, wenn der jetzige Besitzer – der z.Zt. einen Lumpenschneider erbauen ließ – mit “einigen Erweiterungen und Verbesserungen” fortfahre. Dies – wie neben dem Hinweis auf den fortdauernden “nicht unbeträchtlichen Nebenerwerb durch die Wirthschaft” auch hierbei hinzugefügt wurde – um so sicherer, als “diese Mühle durch ihr äußerst reines, niemals zufrierendes ” und “immer in reichlichem Maaße” zur Verfügung stehendes Quellwasser “besonders von der Natur begünstigt” werde.

Nicht lange nach der Zeit dieser Berichte, am 29.April 1808, verheiratete sich Becker mit Marie Louise Düvel, einer Tochter des angesehenen Papierfabrikanten Georg Ludwig Düvel in Moringen. In den folgenden Jahren gingen aus dieser Ehe in rascher Folge drei Söhne und zwei Töchter hervor -Und dennoch, auf die Dauer war das schon vom Großvater vorgezeichnete Schicksal stärker: Am 5. November 1821 ist “Georg August Becker, Papiermüller aus der hiesigen Papiermühle”, noch nicht 42 Jahre alt in Weende gestorben. “Ursache: Vita dissoluta praecipue ebritati dedita eum destruxit”, setzte der Pastor dem Namen und Datum im Sterberegister hinzu.

Nach “solchem Hinscheiden selbigen Meisters” versuchte die Witwe – wie es oft unter den “Gebräuchen der Papiermacher” zu verzeichnen ist – auch hier um der “unerzogenen Kinder” willen sich “gefaßt zu machen” und diesen den Betrieb mit Hilfe von Meistergesellen zu erhalten. Seit eben dieser Zeit begann indessen die alte Handelspapiermacherei für viele Betriebe mit raschen Schritten ihrem Ende entgegenzugehen.

Einer der ersten großen “Aktenerweise” aus Südhannover ist dafür das von “Aug. Beckers Witwe in Weende” mitunterschriebene “unterthänige Gesuch mehrerer Papierfabrikanten in den Fürstenthümern Göttingen und Grubenhagen” vom 31.Oktober 1823 an die Landdrostei in Hildesheim “um Begünstigung der Fabriken”, auf das an anderer Stelle schon einmal ausführlich eingegangen werden konnte.

Von der gleichen Sorge um den zunehmenden “Mangel an Nahrung” war die “flehentlichste Bitte” an die gleiche “hohe Behörde” diktiert, mit der sich “die Witwe des weiland Papiermüllers Becker in Weende” am 27.Juni 1826 dem “Wunsch des Pappe-Fabricanten Friedrich Hasenbalg in Mariaspring” widersetzte, “zur Erweiterung seines Gewerbes eine 2te Mühle am Rauschenwasser anzukaufen, um theils mehr Pappe zu verfertigen, theils aber auch die feineren Lumpen, welche zur Pappe-Fabrication nicht brauchbar seyen, zur Anfertigung von Schreib- und Druck-Papier zu benutzen”.

Inzwischen war jedoch “dem Friedrich Hasenbalg unterm 5.März d.J. die Erweiterung seiner Pappefabrik bereits gestattet worden”, so daß die übrigen “Papierfabrikanten” in Südhannover “von dieser Seite her einen neuen Rivalen” ebenso hinnehmen mußten wie wenig später (1828) den weiteren “Abbruch” durch den Ausbau der Uslarer Papiermühle zum Zweibüttenbetriebe sowie (seit 1828/29) den raschen Aufstieg der v.Gülichschen Papierfabrik in Wertheim bei Hameln, in welcher 1834 sodann auch die erste “Maschine zur Verfertigung endlosen Papiers” in Niedersachsen zur Aufstellung kam. Unter diesen Umständen und wohl auch in zunehmendem Maße von Krankheit geschwächt, scheint Marie Louise Becker mehr und mehr resigniert zu haben. Schließlich verpachtete sie um die Mitte des Jahres 1835 die Mühle an den Bruder des eben genannten “Papierfabricanten in Mariaspring”, Carl Georg Hasenbalg, nachdem sie die Geschäfte offenbar schon seit längerem und “namentlich in der letzten Zeit (nur noch) nachlässig betrieben” hatte. Einige Monate hiernach, am 9.Februar 1836, starb sie im Alter von 49 Jahren am Gallenfieber.

Auch der nunmehrige “Fabricant auf der hiesigen Papiermühle”, der – als Sohn des Papiermachers Johann Christoph Hasenbalg in Mariaspring – am 9.Mai 1833 in Eddigehausen mit Sophie Charlotte Helmrich, einer Tochter des Oberförsters Jacob Helmrich zu St.Goarshausen, getraut worden war und nunmehr zusammen mit einem Bruder dieser Frau in Weende als “Hasenbalg und Helmrich” firmierte, scheint hier indessen keine Seide gesponnen zu haben. Spätestens um die Jahreswende 1839/40 war er jedenfalls von der Pacht der “hiesigen Beckerschen Papiermühle” bereits wieder zurückgetreten und diese jetzt an den Papierfabrikanten Jobst Cristian Ludwig Lovis in Waake übergegangen, der den Betrieb neben der Mühle im Hacketale noch etwa ein Jahrzehnt fortsetzte. Dann wurde die Mühle an den Kaufmann Georg Laporte verkauft und von diesem (vor Herbst 1851) – nach der zuletzt Kefersteinschen Papiermühle an der Garte bei Klein Lengden als die zweite der alten südhannoverschen Papierwerkstätten – “in eine Tuchfabrik verwandelt”.

Nicht ganz 20 Jahre später, am 20.Juni 1870, kaufte der Rheinländer Reinhard Rube von Richard Esau, dem damaligen Mitinhaber der Tuchfabrik C.Eberwein Söhne, der nach Osterode übersiedelte, die Weender “Klostermühle” mit Wasserkraft und allem Zubehör, um dort zunächst eine Dampfwäscherei einzurichten. Da dieses Geschäft sich indessen nicht rentierte, baute er die Mühle 1873 zu der Pergamentpapierfabrik um, die als eine der wenigen Echt Pergamentpapier-Werke in Deutschland fortbesteht. ”        -  soweit Tacke.

 

Dem steht aber entgegen, dass die Papiermühle Weende im Jahre 1845 noch im Besitz eines Nachkommen Becker gewesen sein muß.[2]

Nach einer Akte des Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 74 Göttingen Nr. 3975 aus dem Jahre  1845
Registratursignatur L Nr. 242 führt Georg August Becker zu Weende, als zeitiger Inhaber der Papiermühle zu Weende und des damit verbundenen sogenannten Springes gegen den Landrat Carl Christian Friedrich von Helmolt zu Erfurt, als zeitiges einziges Mitglied der von Helmoltschen Familie, Bertholdscher Linie, wegen Ablösung eines Erbenzinses einen Prozess.

 

 

Der Sohn seines Stiefbruders NN. Fueß, „…Heinrich Otto Ludwig Fueß, Louis genannt, war am 15. August 1800 in der väterlichen Fabrik in Herzberg am Harz geboren und hat dort wohl auch seine Lehrjahre verbracht. Mit gerade vollendetem 21. Lebensjahr packte er sein Felleisen und wanderte los. Sein Tagebuch, in dem er von etwa 80 besuchten Papiermühlen Besitzer und Einrichtung verzeichnete, ist uns durch diese Einzelheiten wertvoll. …… Aus dem umfangreichen Tagebuch sind hier in der Hauptsache die Stellen ausgezogen, welche heute noch bestehende Werke betreffen.
»Ich ging den 14ten August (Anm.: 1821) von meinen lieben Angehörigen und Freunden des Morgens weg, kam über das hannöverische Eichsfeld, durch die Oerter Gieboldehausen, Wolframshausen, Ebergötzen und Waake nach Weende, ein Dorf ½ Stunde von Göttingen. Nahe dabei liegt die Papiermühle mit einer Bütte, einem Holländer und 4 Loch Geschirre. Der Herr heißt Becker. Es waren zufällig zwei Geschirrbauer (Risch von Wernigerode) da, die den Holländer und statt einer Seilpresse eine Kammpresse bauten.¹) Die Mühle hat an sich selbst eine vortreffliche Lage, das Wasser quillt dicht hinter der Fabrik, hat großen Absatz an Papier nach Göttingen und es ist auch eine Wirtschaft dabey. Ich hielt mich hier bis zum 17ten auf, ging den 16ten nach Göttingen, ließ mir ein Wanderbuch machen, und kaufte mir die noch fehlenden Reisebedürfnisse ein. Es wurden daselbst außerordentliche Anstalten gemacht, weil man den König von England erwartete. Es ist ziemlich gut gebaut, hat schöne breite Straßen, worunter sich vorzüglich die Weender auszeichnet; ich hatte schon früher die Bibliothek, Sternwarte, Museum, Anatomie usw. besehen, weshalb ich es diesesmal unterließ. Am 18ten begab ich mich wieder auf die Reise, ging über Göttingen, Eschershausen, Dransfeld usw. nach Volkmarshausen, ein Dorf eine Stunde von Münden…“

Hierbei ist zu bemerken, daß er hier in Weende seinen Onkel Heinrich August Becker und seine Großmutter, Johanne Dorothee Becker geb. Rohrmann, verw. Fueß besuchte. Knapp drei Monate später starb der Onkel.

 

 



[1] Tacke, Papiermacher in Weende, Seite 105;
[2] Akten AIDA 1845 .htm