8. Becker, Rolf

Becker I.

4. Generation
8.                   Becker, Carl Ellen Rolf 
Sohn von Hermann Becker, Dr.med.,Arzt in Hannover, und Therese geb. Wedemeyer
Landwirt, Spezialkommissar in Wiedenbrück, später in Gütersloh;  1. Direktor der Siedlungsgesellschaft “Rote Erde” in Münster i. Westf., Landesökonomierat.

Rolf Becker

Rolf Becker

geb. Göttingen 20.04.1864; (Vor dem Geismarthor; im Hause
der Großeltern Wedemeyer)
get. Göttingen, (St.Albani) 10.05.1864;
gest. Hannover, Kleefeld 15.12.1945;
begr. Hannover, Engesohder Friedh 20.12.1945
verh. Uelzen 15.04.1903

Frida Becker, geb. Becker

Frida Becker, geb. Becker

 

 

 
9. Becker II., Elisabeth Charlotte Agneta Frida
Tochter von Gerhard Becker, Landwirt und Brennereibesitzer in Uelzen und Elisabeth geb. Keitel
geb. Uelzen 14.06.1875; get. Uelzen, (St.Marien) 11.08.1875;
gest. Hannover, Kleefeld 10.05.1965; begr. Hannover, Engesohder Friedhof 14.05.1965

4 Kinder:
1) BeckerHermann Ludwig Jürgen-Echter; Dipl.Ing., Hüttendirektor in Hamm/Westf;
geb. Wiedenbrück, Westfalen 07.03.1904; get. Hannover, (St.Petri) 28.06.1904;
gest. Hamm, Westf. 29.02.1996; begr. Hamm, Westf. 1996
verh. Duisburg 24.10.1934
KochsErika
geb. Gelsenkirchen 07.01.1911; get. Gelsenkirchen 09.02.1911;
gest. Hamm, Westfalen 08.05.1981; begr. Hamm, Westfalen 1981

2) BeckerKarl Adolph Fritz; Dipl.Ing., Architekt in Hannover;
geb. Wiedenbrück 14.04.1906; get. Uelzen, (St.Marien) 15.07.1906; gest.  Hannover, 02.02.1998;
Seebestattung, Nordsee, vor Büsum
verh. Hamburg, Eppendorf 03.07.1944
KrüssGerda Maria Anna
geb. Hamburg 14.07.1920; get. Hamburg, Eppendorf 20.02.1921;
gest. Rathenow 26.04.1945; begr. Rathenow, Krankenhaus-Garten

3) BeckerErnst Hans Rolf Gernot; Kaufmann in Hamburg/Norderstedt;
geb. Wiedenbrück, Westfalen 15.07.1909; get. Wiedenbrück, Westfalen 02.11.1909;
gest. Pinneberg 12.06.1997; Seebestattung 19.07.1997  Ostsee, 54° 49´ 20´´ N, 09° 58´00´´ E
verh. Hannover 05/11.09.1938
RoemerIngeborg ( Inge) Gustava;
geb. Klein Zindel, Kreis Grottkau, Schlesien 22.11.1912; get. Zoppot,, Danzig 10.05.1913
gest. Pinneberg 28.06.2012; Seebestattung 11.08.2012  Ostsee, 54°  50′ 15” N;  09° 51′ 10”  E

4) BeckerGerda-Therese Maria Helene
geb. Münster, Westfalen 28.03.1917; get. Münster, Westfalen 12.07.1917;
gest. Hannover 06.09.1990; begr. Hannover, Engesohder Friedh. 11.09.1990
verh. Hannover 15.05.1948
KriegErich Emil; Kaufmann in Ludwigshafen;
geb. Hamburg 08.06.1912; get.Hamburg 23.10.1912
gest. Hannover 03.02.2005; begr. Hannover (Engesohder Friedhof)

 

Im Jahre 1984 schrieb Jürgen-Echter Becker die Lebensbilder seiner Eltern:

L E B E N S B I L D E R
                    ROLF BECKER
                    FRIDA BECKER

V O R W O R T

Es ist nicht leicht, ein Lebensbild von meinem geliebten Vater aufzuzeichnen, lebte er doch in einer sehr bewegten Zeit! Er wurde 1864 als Sohn des königlich hannoverschen Militärarztes Hermann Becker und seiner Frau Therese geb. Wedemeyer, deren Vater Minister des Königs Georg V. gewesen war, geboren. Er erlebte die Reichsgründung und wurde ein begeisterter Anhänger von Bismarck, der die Gründung des deutschen Reiches fertiggebracht hatte. Er wurde preussischer Beamter und Reserveoffizier, dem die Ehre über alles ging. Er war stolz, als über 50jähriger Battaillonskommandeur noch für das Vaterland kämpfen, ja bluten zu dürfen. — Und er musste erleben, dass der oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II. auf den er den Treueid geleistet hatte, die Truppe 1918 verliess und nach Holland ging. Der Rückzug der Frontsoldaten ging zwar geordnet vor sich, in der Heimat war jedoch die Revolution ausgebrochen, Soldatenräte, kommunistisch unterwandert, diffamierten die von der Front heimkehrenden Soldaten, insbesondere ihre Offiziere. Blutige Unruhen brachen in vielen Teilen Deutschlands aus, der Versailler Vertrag – besser gesagt : Versailler Diktat – musste unterzeichnet werden, das Ruhrgebiet wurde von Frankreich besetzt. Das alles musste Vater erleben, dazu Korruption, schmutzige Stellenjägerei und eine Arbeitslosenzahl, die bis auf 6 Millionen anwuchs. Die Arbeitslosen bekamen damals kaum Unterstützung, sodass bei vielen Arbeitslosen wirkliche Not herrschte und daher mancher froh war, wenn er später bei der SA einen Teller Suppe bekam !

Es ist daher gut verständlich, wenn Vater – nach zunächst grossen Bedenken – ohne P.G. zu werden, an Hitler glaubte, der mit seiner Partei ein Bollwerk gegen den aufkeimenden Kommunismus bildete und Deutschland wieder Ansehen in der Welt verschaffte. – Wie hat er geglaubt und wie wurde er wieder enttäuscht ! Er hat – wie wir alle – nichts vom K.Z. gewusst und die vielen Schandtaten, die nach dem Kriege bekannt wurden, nicht für möglich gehalten. Dies alles war für einen Mann mit einer solch’ graden und anständigen Lebensauffassung, wie Vater sie vertrat, ganz unvorstellbar. Daher waren auch seine letzten Briefe und Äusserungen ganz verzweifelt: “Ihr müsst sehen, wie Ihr fertig werdet !”

Das war die politische Entwicklung während Vaters Leben, die wirtschaftlich – technische war nicht weniger aufregend.
1867    wurde die Schreibmaschine erfunden.
1869/70 Die Postkarte wurde eingeführt und das erste Fahrrad mit Ketten-Hinterrad -
Antrieb gebaut.
1876    Bell erfand das Telefon.
1879    Edison erfand die Kohlenfaden-Glühlampe.
1887    Daimler baute den ersten 4-rädrigen Kraftwagen mit Benzinmotor.
1897    Marconi telegraphierte drahtlos über 14 km.
1900    Graf Zeppelin machte seine erste Fahrt.
1903    es folgte der erste Motorflug über 30 m in 12sec.
1923    erste Sendung des Rundfunks.
1928    Köhl, Fitzmaurice und Hünefeld überqueren in einem Junkers-Flugzeug erstmalig
den Atlantik von Ost nach West – 6.750 km in 55,5 Std.

Ich will versuchen, nach meiner Erinnerung und nach Vaters Aufzeichnungen ein Lebensbild zu zeichnen, wie wir Geschwister ihn kannten und wie er als Vorbild bei unseren Kindern und Enkeln weiterleben soll.

Wenn es schon schwer ist, ein Lebensbild von Vater zu schreiben, dann ist es für mich noch viel schwerer, über unsere Mutter und Grossmutter zu schreiben. Sie lebt bei uns Kindern und Enkelkindern weiter als der Mittelpunkt der ganzen Familie. In ihrer vorbildlichen Einstellung zum Leben strahlte sie eine ruhige Gelassenheit und ein Glück aus, das sich auf ihre ganze Umgebung übertrug.
Hamm,  im Frühjahr 1984

               LEBENSBILD    ROLF BECKER
               Carl Ellen Rolf Becker
geb. 20. 4.1864  Göttingen
gest.15.12.1945  Hannover
Mein Vater Rolf Becker wurde als zweiter Sohn des königl. Militärarztes Hermann Becker und seiner Frau Therese geb. Wedemeyer in Göttingen im grosselterlichen Hause geboren, weil sein Vater an dem Kriege Preussen – Oesterreich gegen Dänemark wegen Schleswig- Holstein teilnahm. Dazu schreibt Vater : “Wie gemütlich damals der Krieg noch gehandhabt wurde, kennzeichnet das Folgende: Das Gut Mönkhagen meines Grossvaters war etwa 10 km jenseits Fackenburg und Eckhorst gelegen. Die Dänen hatten Mönkhagen besetzt mit einer Feldwache. Vater lag in Lübeck. Es war dicht vor Weihnachten. Da bat Grossmutter den Feldwachhabenden, ob ihr Sohn wohl nach Mönkhagen kommen und dort Weihnachten feiern könnte. Der Hauptmann erlaubte und Vater kam und feierte vergnügt mit den Dänen zusammen.

Im Kriege 1866 – Preussen gegen Oesterreich – Hannover -  wohnten die Eltern in Hannover in der Windmühlenstrasse in der ersten Etage der Schulzeschen Buchhandlung. Dazu Vater : “da habe ich auch den Einzug der siegreichen Preussen gesehen. Sie kamen von der Aegidienkirche her eingezogen mit geladenen Karabinern. Luise, das Hausmädchen hatte mich auf den Arm genommen, damit ich auch etwas sehen konnte. Ich hörte Mutter noch verängstigt rufen: Luise, nimm das Kind vom Fenster weg. Es darf niemand am Fenster stehen !

Rolf und Bruder Ernst Becker

Rolf und Bruder Ernst Becker

Währenddem zogen die Vettern Wilhelm, Richard und Albert die Kanonen aus dem Zeughaus heraus, spannten Pferde davor und fuhren hinter der hannoverschen Armee, die Hannover aufgegeben hatten, nach Langensalza. Vater, damals Militärarzt, war mit der Armee gezogen und nahm an der Schlacht von Langensalza teil, die von den Hannoveranern verloren wurde.”

Vater Rolf wuchs im Kreise von 7 Geschwistern auf:
10. 8.62  Medizinalrat Dr. Ernst Becker Hildesheim,
verh. Gertrud Brandes
20. 4.64  Landesökonomierat Rolf Becker Hannover,
verh. Frida Becker
2. 8.65  Margarethe Becker, verh. Georg König,
Oberbürgermeister Lüneburg
19. 2.67  Hans Becker Singapore, verh. Maggi Wilkens
21. 5.69  Sanitätsrat Dr. Max Becker Bochum,
verh. Ottilie Siebeck
2.  4.71  Prof.Dr. Adolph Becker Hannover
17.12.77 Nora Becker, Musiklehrerin Hannover
2. 5.82  Katharina Becker  Hannover.

Vaters Begeisterung für die Landwirtschaft stammt von Mönkhagen, dem Gute seines Grossvaters Ernst Becker. “Mönkhagen hat mich mein ganzes Leben verzaubert.” ja, es hat sein ganzes Leben bestimmt.

Vater hat in einer Rede, die er anlässlich seines 70. Geburtstages und der Verlobung Echter – Erika in Hannover gehalten hat, einen Lebensbericht gegeben, der so eindrucksvoll seine Lebensauffassung schildert, dass ich ihn diesem Bericht folgen lasse. Aus einem Büchlein, das er zur Konfirmation 1878 von der Nenntante Jenny Bergmann bekommen hatte “Das christliche Vergissmeinnicht” steht unter dem 25.Juli vermerkt “25/1881 Papa giebt seine Einwilligung dazu, dass ich Landmann werden soll”. So verliess Vater als Primaner das Ratsgymnasium und begann am 1.10.1881 eine 2 jährige landwirtschaftliche Lehre in Augustenhof, einem 4000 Morgen grossen Gute. Grossvater musste für die Ausbildung 900 Mk/Jahr bezahlen, sowie Leib- und Bettwäsche stellen, ausserdem erwartete der Pächter Wittrock, dass er sich unterordnete und voll zupackt.

In den Jahren 1883-85 vervollständigte er dann seine Ausbildung als zweiter Verwalter auf den Gütern Wallmoden und Dingelbe bei Hildesheim. Er musste auf vieles verzichten, er war verbannt auf den Hof, gab es doch keine Verbindung zu den Städten. Aber er lernte die Landwirtschaft von Grund auf, ja, “in Dingelbe, einem Rübengut mit schweren Lehmböden mit 8 Pferden vorweg und dann noch an jedem Rade ein Pferd mit einer Kette an der Achse die Rüben aus dem Lehmboden fahren.”  Zitat: “Dann ging es nach Hannover zum Militärdienst. Bei der Musterung sah der Arzt meine verkrüppelten Zehen, die ich bekommen hatte, weil ich als Kind Bruder Ernst seine Schuhe immer nachtragen musste und Gretchen nach mir immer neue bekam.” Er sagte sofort : Untauglich ! Als er mein trauriges Gesicht sah, fragte er: Wollen Sie gerne dienen ? Als ich das bejahte, sagte er : Na, ja meinetwegen, Infanterie. So kam ich zur I Kompagnie ,
I. hannoverschen Infanterie Regiment No.74, worauf ich das ganze Jahr stolz war, weil das Mindestmass bei der Isten Komp. 170 cm war, während ich nur 169 cm mass.”

Rolf Becker

Rolf Becker

Nach dem Militärdienst, der ihm viel Freude machte, studierte er von 1886 bis 1888 in Halle, Leipzig und Berlin an den Landwirtschaftlichen Hochschulen. So konnte er seine Kenntnisse aus der Praxis mit der Theorie vervollständigen. In Halle wurde er aktiv bei dem landwirtschaftlichen Verein “Agronomia” und war dessen Vorsitzender.

Vaters Verhältnis zu seiner Mutter Therese war ganz besonders herzlich, Beide diskutierten häufig und eingehend auch über religiöse Fragen. Vater hatte sich offenbar einmal in einem Brief an seine Mutter als ein Freidenker bezeichnet. Grossmutter Thereses Antwort vom 11.11.87 ist so wundervoll geschrieben, dass ich ihn im Anhang folgen lasse.

Im Alter von nur 25 Jahren wurde ihm von dem Güterdirektor H. Siemering die selbständige Verwaltung des 1.400 Morgen grossen Gutes Bökel bei Bünde anvertraut. Diese Verwaltungszeit war der Höhepunkt in Vaters praktischer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Der Besitzer, der kaiserlich russische Staatsrat Leopold König, sowie sein Güterdirektor Siemering, hatten Vertrauen zu unserem Vater. So wurde nur das beste Zuchtvieh und die beste Maschine gekauft. Als Reserveoffizier – er wurde 1891 zum Seconde Leutnant befördert – verkehrte er bei den Gutsbesitzern und Fabrikanten in Bünde und Umgebung. Er hielt Vorträge bei Krieger- und landwirtschaftlichen Vereinen, er war Preisrichter und machte in Verbindung mit der Universität Göttingen Düngeversuche und legte – möglicherweise die ersten – Zuchtbücher in Westfalen an, kurz eine interessante Tätigkeit! – aber, sich selbständig machen war völlig unmöglich, da ihm das erforderliche Kapital fehlte. Er war daher oft sehr niedergeschlagen, er wollte ja nicht “ein Inspektor Bräsig” bleiben (Fritz Reuter). Ein Angebot von Siemering, die König’schen Güter in Russland zu verwalten, schlug er – schon der Sprache wegen – aus. Ein Angebot, in Süd-Brasilien eine grosse Weizenfarm zu schaffen, nach einer Einarbeitungszeit in Nordamerika, zerschlug sich aus politischen Gründen. Er war so verzweifelt, dass er auf Vorschlag seines Vaters weiterstudieren wollte, um Landwirtschaftslehrer zu werden.

Da hörte er, dass der Staat Landwirte suche, die zu Spezialkommissaren ausgebildet werden sollten. Er meldete sich und wurde sofort bei der Spezialkommission in Münster für eine 2 jährige Ausbildungszeit angenommen.

Zu Geld hatte es Vater bislang nicht gebracht. So bestätigte er am 2.12.97 seinem Vater eine Sendung von Mk 200.-, aber schon am 5.12. muss er ihn wieder um Geld bitten, “da er bei einer fürstlichen Renumeration von Mk 120,- monatlich – postnumerando – nur noch Mk 35,- besitze, Liquidationen vierteljährlich eingereicht, erst in etwa 1/2 Jahr zurückgezahlt würden und er in Arnsberg hoffe, Lokale zu finden, in denen er auch auf Pump leben könne.”

Und am 7.12. aus Arnsberg “Mein Kassenbestand beträgt Mk 9,99 Dienstags morgens 9.1/2 Uhr”. Nicht auf Rosen gebettet, aber begeistert von seiner Tätigkeit: “Und nun begann für mich ein Leben und ein glückseeliges Leben, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Die Generalkommission hatte die Aufgabe, die Landwirtschaft auf allen Gebieten zu fördern.” Sumpfgebiete mussten entwässert werden, Bäche und Flüsse reguliert, Strassen und Wege begradigt und auseinanderliegende Äcker der Bauern zusammengelegt werden. Dazu war eine gute Propaganda unter den oft sehr sturen – besonders westfälischen – Bauern erforderlich. Aber Vater löste diese Probleme mit Glanz !

Ich zitiere mit Auszügen:
“Mein erster Erfolg, der die Herren in Münster verblüffte, war die Bildung einer Genossenschaft Rietberg. Man hatte mir als Examensarbeit die Aufgabe gestellt, ein Gutachten darüber abzugeben, ob die Regulierung der Ems und die Melioration des ca. 10 km langen Wiesentals oberhalb Rietberg möglich und rentabel sein würde. Das Problem war uralt. Wohl seit 20 Jahren waren Vermessungen vorgenommen, Pläne aufgestellt, Anträge unter der Bevölkerung gesammelt, kurz alles versucht worden, eine Melioration zustande zu bringen. Immer war alles an den dicken Bauernschädeln gescheitert. Ich sah mir das Objekt an und griff sofort mit Begeisterung das Projekt auf. Der Dezernent dieser Sache entliess mich mit den Worten: “Na ja, dann machen Sie man ihr Gutachten und dann wollen wir das Ding im Archiv begraben.” Wütend dachte ich: Nu grade ! Das Gutachten war ein voller Erfolg, der Präsident richtete eine neue Spezialkommission im benachbarten Wiedenbrück ein, deren Leitung Vater anvertraut wurde. Die Aufgabe war ausserordentlich schwierig, zumal die Grundstücke fast das ganze Jahr unter Wasser standen und die Grundbücher in den meisten Fällen durch Erbgang nicht in Ordnung waren. Die Melioration konnte durchgeführt werden, wenn alle Grundstückseigentümer einverstanden waren. Wenn nur einer dagegen war, musste der König entscheiden – und das hätte für Vater viel Ärger mit den Juristen des Ministeriums bedeutet. “Also die Abstimmung durfte nicht einen einzigen Widerspruch bringen, Ehrensache ! Dabei waren rund 400 Grundbesitzer zu fragen ! “Zwei Tage vor der Abstimmung erfuhr Vater, dass ein Grundbesitzer, den er für seinen besten Vertrauensmann gehalten hatte, sein grösster Gegner sei. Was tun? List gegen Gemeinheit ! Am ersten Tag waren 300 Grundbesitzer geladen. Vater eröffnete die Versammlung und stellte die Anwesenheit aller Beteiligten durch Aufruf auf Grund der Namenliste fest. Dann trug er das Projekt vor und eröffnete die Aussprache an der sich aber zunächst nur ein Arzt aus Rietberg und der Ritterburgsbesitzer Tenge befürwortend beteiligten.

Dann – dachte ich – halt, jetzt ist es Zeit, Schluss zu machen, bevor die Querulanten anfangen zu reden. Ich erklärte also: Ihr habt nun gehört, was Leute, die es wissen müssen, über die Sache denken, — es ist spät geworden, zu Hause wird die Suppe kalt. Ich will die Sache kurz machen, wer hier ist weiss ich, wer nun nichts mehr zu sagen hat, der kann nach Hause gehen. Wer dagegen ist oder etwas dazu zu sagen hat, der muss sich hier bei mir einschreiben lassen. Sofort erhoben sich etwa 100 Mann und gingen nach Hause. Mein heimlicher Widersacher hatte die grösste Mühe, wenigstens eine grössere Zahl zurückzuhalten. So drängten sich etwa 50 – 60 Mann vor meinem Pult zusammen mit wüstem Getobe. Ich suchte mir den Dämlichsten unter ihnen aus und fragte nach seinem Namen und der Katasterbezeichnung seines Grundstückes, die er natürlich nicht wusste. Auch konnte er nur mit Hilfe von Freunden auf der Karte sein Grundstück bezeichnen”, wobei es an bissigen Bemerkungen von Vater nicht fehlte, “dann forderte ich ihn auf, mir zu sagen, was er dagegen einzuwenden habe. Und da er nur Quatsch vorbrachte, erklärte ich ihm, ich könne solchen Unsinn den Herren in Münster nicht vortragen, er möge nur selbst diktieren, was in’s Protokoll geschrieben werden solle. Das brachte ihn natürlich in noch grössere Verlegenheit, was die Umstehenden natürlich zu boshaften Bemerkungen veranlasste.” Die Reihen der Schreier lichteten sich zusehends, jedoch schrieben sich immerhin 15 Mann ein, die zu einer neuen Besprechung geladen werden mussten. Bei dieser neuen Besprechung sagte dann Vater: Er habe von Münster den Auftrag, das Projekt so deutlich vorzutragen, dass es von dem grössten Schafskopf – man konnte damals noch deutlich reden – verstanden würde. Wer nun immer noch nicht einverstanden sei, den würde er sooft laden und ihm alles erklären, bis er zustimme, es sei denn, sie brächten ganz wichtige Einwände vor. Torheiten und allgemeine Redensarten würde er jedenfalls, um sich nicht zu blamieren, nicht nach Münster berichten. Das Ende vom Liede war, dass sie erklärten: “Na, dann striken sei meck man weddder dör!”

Und Vater schreibt weiter:
“Als ich nach etwa 5-6 Jahren gelegentlich ein landwirtschaftliches Fest mitmachte, und das Wiesental reiche Ernte gesunden Heues brachte, wurde ich von einem Festredner gefeiert, weil ich 3 Gemeinden zu gesunden Viehbeständen verholfen hätte.”

Am 1.Okt.1900 wurde Vater endgültig mit der Leitung der Spezialkommission Wiedenbrück beauftragt, welche im Herbst 1912 nach Gütersloh verlegt wurde. Das von ihm bearbeitete Gebiet umfasste nahezu den ganzen Kreis Wiedenbrück sowie alle Gemeinden der Kreise Halle und Bielefeld, soweit sie westlich des Teutoburger Waldes lagen. Mit wahrer Begeisterung stürzte er sich in die Arbeit. Nun hatte er sich auch die Voraussetzung für eine Familiengründung geschaffen. Er heiratete als 39jähriger am 15.4.1903 seine Cousine Frida Becker aus Uelzen.

Frida Becker, geb. Becker

Frida Becker, geb. Becker

             LEBENSBILD    FRIDA BECKER
            Elisabeth Charlotte Agneta Frida Becker
geb. 14. 6.1875  Uelzen
gest.10. 5.1965  Hannover

Frida wurde am 14.Juni 1875 als 4tes Kind des Oekonomierat Gerhard Becker und seiner Frau Elisabeth geb. Keitel geboren. Im grossen Geschäftshaus an der Gudesstrasse wuchs sie im Kreise von
5 Geschwistern fröhlich heran.

18. 8.1869  Else Schmidt, Glatz -Hildesheim
- Wildungen,
verh. Landgerichtspräsident Ludwig Schmidt.
26. 7.1870  Georg, Oberamtmann, übernahm die väterliche
Brennerei und das Gut Veerssen. verh. Helene
Stoppel. Die Brennerei wurde 1931 an den
Kaufmann Fritz Lücke verkauft. Durch die Heirat von Betty
Becker,Tochter von Hans Becker,
mit Dr. Heinz Lücke kam die Brennerei wieder in die Familie.

Frida Becker

Frida Becker

14. 6.1875  Frida, verh. Rolf Becker,
Landesökonomierat
Hannover.
15. 8.1879  Carla, verh. Ludwig von
Kusserow, Reg.Vice-
Präsident, Lüneburg.
9. 9.1881  Hans, Kaufmann London -
Geschäftsführer
I.C.Präsent Wwe Uelzen.
verh. Dorothy Oldendorf,
London – Uelzen.
30. 5.1885  Gerd, Rechtsanwalt und
Notar, Hannover,
verh. Frida Steyerthal.

Frida Becker und Lilly BeckerFrida Becker und Lilly Becker, verh.Schaumann

Auf Vaters wiederholte Bitten hat Mutter zum 20.4.44 zu Vaters 80sten Geburtstag “versucht, das zu Papier zu bringen, was so licht und beglückend in meiner Erinnerung lebt”. Es sind Kindheitserinnerungen aus Uelzen, an’s Elternhaus Gudesstrasse und an das Keitel’sche grosselterliche Haus. Sie wuchs auf zusammen mit ihrer gleichaltrigen Cousine Lilly Becker, der einzigen Tochter von Theodor Becker – Bruder von Grossvater Gerhard. Theodor Becker war der Besitzer der Ratsmühle an der Ilmenau, aus der unsere Ahnin Christine Flügge stammte, der Mutter von Gerhard und Theodor Becker.

Auf dem Gelände der Ratsmühle spielte sich auch ein grosser Teil ihrer Kindheit ab, sie spielten zusammen <mit Lilly Becker> und wurden durch eine Erzieherin gemeinsam unterrichtet.

Mit der Beschreibung der Hochzeit ihrer Schwester Else im Jahre 1891 enden ihre Aufzeichnungen. Grossvater Gerhard brachte sie dann 1891 nach Freiburg in die Pension Institut Blas für ein Jahr. Die Zeit in der schönen Stadt Freiburg hat sie sehr genossen, sie musste aber auch viel arbeiten. Wochenweise wurde nur französisch oder englisch gesprochen – bei Tisch nur französisch – Auch untereinander durften sich die jungen Mädchen nur in der Fremdsprache unterhalten und sie wurden peinlichst befragt, ob sie sich auch nun wirklich nur in der Fremdsprache unterhalten hätten. Im Herbst 1892 kehrte sie in’s Elternhaus zurück. Sie machte mit ihrer Tante Käte Keitel grössere Reisen und nahm Malunterricht. So kopierte sie das “Stiefmütterchen”, Luise Maria König aus Veerssen, ein Gemälde, das heute über meinem Schreibtisch hängt.

In dieser Zeit entwickelte sich ein enges Verhältnis zu ihrer Schwester Carla, ganz besonders aber zu ihrem Vater Gerhard.

Im Sommer 1902 machte Vater als Reserveoffizier eine Übung und sass in Hannover mit Kameraden bei einem Glase Bier im Kaffee Kröpke. Plötzlich hörte er den Ruf: “Da ist Rolf Becker”. Allen voran kam Frida Becker mit ihren Eltern und dem Brautpaar Carla und Ludwig von Kusserow in’s Kaffee, sie hatten für die Aussteuer eingekauft. Hat Vater damals Feuer gefangen, oder auf der Kusserow – Hochzeit in Uelzen, wo Vater der Tischherr seiner Cousine Frida wurde ? Vater machte Frida Becker einen schriftlichen Antrag, den sie auch schriftlich am 11.10. mit ihrem “Ja”-Wort beantwortete.

Geheiratet wurde am 15.4.03 in Uelzen und die Wohnung im alten Kreishaus  in Wiedenbrück bezogen.
Rolf und Frida führten ein geselliges Leben mit Besuchen von Freundinnen, Cousinen und dem Bruder Gerd Becker. In einer überaus glücklichen Ehe wurden in Wiedenbrück drei Jungen geboren:

Jürgen Echter      7. 3.1904  Hamm
Fritz                   14. 4.1906  Architekt Hannover
Gernot               15. 7.1909  Kaufmann in Hamburg
Ihnen gesellte sich später in Münster noch Gerda Therese zu, sie wurde am 28. 3.1917 geboren.

Jürgen-Echter,Gerda-Therese,Gernot,Fritz Becker

Jürgen-Echter,Gerda-Therese,Gernot,Fritz Becker

Für die Durchführung seiner weiträumigen Tätigkeit schaffte Vater sich 1901 ein Reitpferd an, und nahm dazu ein Darlehn von seinem Vater für 650,- Mk. auf.

Rolf Becker

Rolf Becker

Foto: Vater auf “Hänschen”, einem 9jährigen Fuchswallach eines ungarischen Gestüts. Brand: R mit 5zackiger Krone.

Da angeblich die gemeinsamen “Spaziergänge” – Vater zu Pferde, Mutter per Rad – zu unbequem waren, kaufte sich Vater – nach Katalog – einen offenen Zweisitzer, einen grünen “Piccolo” mit einem herrlichen Horn. Eines Tages erhielt er die Nachricht, dass das Auto auf dem Güterbahnhof abholbereit sei. Er nahm die Gebrauchsanweisung und sicherheitshalber seinen Schlossermeister und aus der Apotheke eine Flasche Benzin und eine Flasche Öl mit. Beide Herren hatten noch keinen Führerschein, sie füllten – nach der Gebrauchsanweisung – Sprit und Öl in die entsprechenden Tanks, bekamen – nach Anweisung – das Auto auch tatsächlich zum Laufen und fuhren – nach Anweisung – langsam nach Hause. Das Fahren brachte sich Vater – nach Anweisung – selbst bei. Um den Führerschein zu bekommen, meldete er sich bei dem Prüfer in Gütersloh. Zum vereinbarten Termin erschien der mutige Autofahrer vor des Städtchens Toren, wo der Prüfer ihn erwartete. Er musste dann auf der Landstrasse in Richtung Wiedenbrück fahren, auf der Strasse wenden und wieder zurückfahren. Vor dem Ort stieg der Prüfer aus und sagte: Ich gehe schnell den Fussweg, kommen Sie über die Strasse nach, den Führerschein mache ich Ihnen schon fertig. – Ja, das gab es damals noch !

Sehr schöne Fahrten haben die Eltern – mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km gemacht, bis nach Holstein, natürlich in mehreren Etappen. Gelegentlich kam es auch mal zu einer Panne, sodass der stolze Autofahrer sich Hilfe bei den Bauern holen musste, die sich dann einen besonderen Spass daraus machten, zum Abschleppen einen Ochsen oder eine Kuh vorzuspannen.

Rolf und Frida Becker

Rolf und Frida Becker

Da Vater auch ein sparsamer Mann war, ärgerte es ihn, dass es immer nach Benzin roch, das war doch Verlust, woher kam das nur? Da entdeckte er, dass der Schraubverschluß des Benzintanks ein Loch hatte, welch’ ein Unsinn! Schnell wurde eine Briefmarke – ich erinnere genau, es war eine rote Germania – auf das Loch geklebt. Er fuhr los – aber bald – Pött, Pött – und das Auto stand! Es wurde hier und da geguckt und gekurbelt, aber der Wagen tat ihm nicht den Gefallen. Mutter fragte dann besorgt: Hast du denn auch noch Benzin? Aber natürlich ja, aber er guckte trotzdem in den Tank. Wieder mal ein Versuch – und siehe da, er sprang an, aber wieder nach einer kurzen Fahrt dasselbe Dilemma – Pött, Pött – und aus war es ! Dann kam der Automobilist dahinter, dass das Loch im Schraubverschluss doch wohl einen Sinn haben müsse. Die Briefmarke wurde durchstossen, und der Wagen lief.

Vater machte mit grosser Freude als Reserveoffizier seine Übungen, und war Vorsitzender des Kriegervereins. Seinen Kindern lebte er Pflichterfüllung und Vaterlandsliebe vor.

Mutter sang mit ihrer schönen Stimme im evang. Kirchenchor. Vater erzählte immer mit grossem Vergnügen, dass Mutter einmal bei einem Kirchenkonzert in der kleinen Kirche sehr schön ein Solo gesungen habe. Ein Nachbar hätte ihm zugeflüstert: “Männerstimmen sind mir lieber” ! worauf Vater mit Schmunzeln geflüstert habe: “Mir auch” !

Vater war ein überzeugter, königlich, preussischer Beamter und Hauptmann der Res., dem Deutschland, Vaterland und die Ehre über alles ging. So forderte er in Gütersloh einen westf. Fabrikanten, der ihn in einer Zeitung öffentlich beleidigt hatte, durch seinen Sekundanten auf  Pistolen, und zwar als verheirateter Mann mit Frau und drei Kindern, für Mutter eine wahrhaft schwere Pille. Das Duell fand nicht statt, weil der Gegner kniff. Der Offiziersverein wollte diesen Herrn dann ausschliessen, was jedoch nicht gelang, da von höherer Stelle eingegriffen wurde. Daraufhin sagte der Vorsitzende: Na ja, meine Herren, Sie wissen ja, was Sie zu tun haben! Nach Jahren haben sich die beiden Herren aber wieder vertragen. – Nach dem Ehren-Kodex der damaligen Zeit konnte ein Duell nur nach einem Ehrengericht stattfinden, man musste auch mit einem gerichtlichen Nachspiel rechnen. Aber Anpöbeleien, wie sie heute selbst unter führenden Persönlichkeiten der Politik und Wirtschaft leider immer wieder vorkommen, waren damals eine grosse Seltenheit.

Rolf Becker und Rekruten in Köln

Rolf Becker und Rekruten in Köln

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges am 2.August 1914 stellte sich Vater als begeisterter deutscher Offizier freiwillig, obwohl er über 50 Jahre alt war. Zunächst bildete er in Köln Rekruten aus. Mutter betätigte sich im Roten Kreuz auf dem Bahnhof mit der Betreuung und Verpflegung der durchfahrenden Transportzüge.

Im Dezember 1914. wurde Vater als Battaillonskommandeur an die Front nach Gallizien zur Unterstützung der Österreichischen Armee geschickt. Beim Durchbruch von Tarnow-Gorlitze wurde er durch einen Schrapnellsplitter am linken Arm verwundet. Unter Umgehung des Lazarettes, nur notdürftig versorgt, mit Blutverlust und nach einem Transport auf Leiterwagen, Viehwagen und schliesslich mit einem normalen D-Zug kam er via Krakau – Berlin – Hannover am 2.Juni in Gütersloh an, nachdem er bei der Durchfahrt in Hannover erfahren hatte, dass seine Mutter seit 2 Tagen wegen eines Schlaganfalles besinnungslos sei – ein böser Empfang !

Verlustliste-Nr.13065- Rolf Becker, 1916    (Q1)

Zusammengeflickt wurde er dann in Hildesheim von seinem Bruder Ernst, aber eine volle Beweglichkeit hat er im linken Arm nie wieder erreicht.

Nicht mehr kriegsverwendungfähig wurde Vater dann 1916 nach Münster versetzt, mit der sehr interessanten Aufgabe, die “Siedlungsgesellschaft Rote Erde” zu gründen und zu leiten. Die Aufgabe dieser Gesellschaft war es, zurückkehrenden Soldaten – auch Invaliden – die durch den Krieg ihre berufliche Existenz verloren hatten, durch Ansiedlung auf kleinen Höfen eine neue Lebensmöglichkeit zu geben, das war für Vater natürlich eine sehr dankbare Aufgabe.

In Gütersloh wurden nun die Zelte abgebrochen und das Haus “Auf der Horst 4″ bezogen. Ich glaube, das Haus war für unsere Mutter ein Alptraum! Im Keller war die Küche, im Parterre das Esszimmer, Vaters Zimmer und der Salon. Im ersten und zweiten Geschoss befanden sich Kinderspiel- und die Schlafzimmer. Es gab zwar – ganz vornehm – einen handbetriebenen Speiseaufzug, aber trotz der 2 Mädchen war das Haus eine grosse Belastung. Hier wurde – im Haus – unser Nesthäkchen Gerda am 28. 5.1917 geboren. Es war eine politisch unruhige und ernährungsmässig schwierige Zeit. Vater hatte eine Ziege beschafft in der Hoffnung, dass dieses Tier auch Milch gäbe – aber sie ging ein ! Die vorhandenen 2 Sack Hafer mussten nun direkt als “Hafersuppe” verwertet werden. Ein Versuch, den Hafer mit der Wäschemangel zu zerkleinern, gelang nicht. Daher wurde der Hafer eingeweicht und durch die Kaffeemaschine – natürlich mit der Hand – gedreht und durch ein Sieb gerührt, das ging zwar, aber die Spelten ! Immerhin waren wir vom Morgentrank, einem “Gesöff” aus Steckrüben mit sandigem Satz – befreit. Wir stiegen auch auf Kaninchen – Belgische Riesen – um, die von mir mit Erfolg gefüttert und später zu Braten und Wurst verarbeitet wurden.

Wir hatten immer zwei Hausgehilfinnen, die aber ihre Tätigkeit mehr als Pension in der Grosstadt auffassten. Sie stammten von den Rentenhöfen, die Vater im Wiedenbrücker Raum geschaffen hatte. Die alten Rentenkötter liessen Vater nicht im Stich. Wenn nun die Mädchen glaubten, die städtische Küche genügend erlernt zu haben, dann kündigten sie : Ja, und Frau Ökonomierat im Oktober kommt dann unser Lieseken! Und dann kam das Lieseken, ein unförmiges Wesen mit einer ebenso unförmigen Mutter. Aber wenn sie sich dann umgezogen hatten, dann war das Lieseken schlank wie eine Tanne und die Mutter auch – und die Speisekammer gefüllt ! Es waren ja hungrige Zeiten und die Kontrollen scharf. Vater hatte aber in seiner Wiedenbrücker Zeit vielen kleinen Köttern helfen können, da liessen diese treuen Menschen – und zwar unaufgefordert – die Eltern nicht im Stich.

In Münster haben wir uns sehr wohl gefühlt. Mutter war Mitglied des Cecilienchores, eines akademischen Kirchenchores, der von dem Theologen Prof. Smed geleitet wurde. So hatten wir guten Kontakt zu Akademikerkreisen, dazu boten Konzerte und Theater viele Abwechselung.

Nach ihrer Pensionszeit in Dresden kam dann die älteste Tochter von Mutters Bruder Georg, Elisabeth – später Gehrdts – für etwa ein Jahr nach Münster als Haustochter. Sie sollte  – aus der Einsamkeit der Domäne Neuhaus heraus und einen Stadthaushalt führen lernen, und auch die Vorteile einer Universitätsstadt kennenlernen.

Mit Hilfe von Mutters Vermögen wurde dann 1919 ein eigenes Haus an der Staufenstrasse gekauft und bezogen.

Nach dem Kriege wurde Vater in der Siedlungsgesellschaft ein zweiter Direktor beigeordnet, der ihm das Leben so schwer machte, dass er sich 1922 mit Herzbeschwerden vorzeitig pensionieren lassen musste, ein wahrlich schwerer Entschluss mit vier schulpflichtigen Kindern ! Er ging nach Hannover, um sich dort eine neue Tätigkeit als landwirtschaftlicher Sachverständiger aufzubauen. Bruder Adolph und Schwester Käthe haben ihm dabei tatkräftig geholfen, er hat nahezu 1 Jahr bei ihnen gewohnt.

Vater kaufte in Kleefeld das Grundstück Schopenhauerstrasse 19 <früher Nr.10>, das mit Eichen bestanden war. Es war Inflation – der Verkauf des Holzes deckte den Kaufpreis des Grundstückes. Zur Finanzierung des Neubaues musste ausser Mutters Erbteil aus Uelzen – Grossmutter Elisabeth war 1922 gestorben – das Haus in Münster verkauft werden – aber wie ? Die Inflation durfte doch den Erlös nicht auffressen ! Da fand Vater einen tüchtigen Getreidehändler, der den Verkaufspreis des Hauses sofort in Getreide anlegte. Dann wurden einige Zentner Getreide verkauft, wenn z.B. für den Maurermeister eine Rechnung fällig war. Auf diese Weise wurde das Finanzierungsproblem glänzend gelöst. Eine weitere Schwierigkeit tauchte auf, als die Franzosen die Besetzung des Ruhrgebietes erheblich ausdehnen wollten, dann wäre ja ein Umzug von Münster nach Hannover nur mit riesigen Schwierigkeiten möglich gewesen ! Kurzentschlossen bestellte Vater den Spediteur für den Umzug, obwohl das Haus noch nicht bezugsfertig war. Wir zogen ein, die Haustür und einige Fenster fehlten, es gab nur eine Leiter, um in die zweite Etage zu kommen. An Anstrich dachte man noch nicht, und da die Haustür fehlte, wurde die Öffnung abends verbarrikadiert und der tapfere Echter schlief auf einer Liege im Erdgeschoss zur Bewachung des Hauses. Für Mutter wahrlich eine anstrengende Zeit, aber sie war glücklich, dass die Familie wieder zusammen war, sie hatte ja auch Übung, es war ihr 4ter Umzug in ihrer Ehe.Schopenhauer Straße     1934

Mit Vaters Kenntnissen als praktischer Landwirt in der Bewirtschaftung grosser Güter und seinen Erfahrungen als Spezialkommissar und Direktor der Siedlungsgesellschaft gelang es ihm bald, sich eine gute Beratertätigkeit aufzubauen. Da kamen Industrielle wie Dir. Langer von der W.D.I. Hamm, dann der Frhr. v.Knigge mit seinem Gute Beienrode und viele andere zu ihm und übertrugen ihm die Oberleitung über ihre Güter. v.Knigge schenkte Vater aus Dankbarkeit ein grosses silbernes Tablett mit eingraviertem Wappen, ein Schmuckstück, das in hohen Ehren gehalten wird. Frau Hertha König, die Enkelin des Zuckerkönigs König, übertrug ihm die Verwaltung ihrer Güter in Rosenheim und Bökel, das Gut, welches er als junger Administrator bereits verwaltet hatte. Freund Bäumer übertrug ihm die Betreuung der Güter der Hannoverschen Siedlungsgesellschaft. Auf diese Weise war er wieder in der Praxis und betreute etwa 6.000 Morgen. Dann aber wurde er vom Kultusminister zum ständigen landwirtschaftlichen Berater der Hannoverschen Klosterkammer ernannt. Die Klosterkammer hatte einen Besitz von etwa 190.000 Morgen, die verpachtet waren. Aber bei Neuverpachtungen wurde Vater zu Rate gezogen und musste gelegentlich auch, wenn die Neuverpachtung nicht zügig erfolgte, eine Bewirtschaftung selbst übernehmen. So hatte er sich wieder ein dankbares Arbeitsgebiet geschaffen, das von Ostpreussen bis Bayern reichte, eine enorme aber befriedigende Aufgabe. Nach der Münsteraner Enttäuschung hatte sich doch alles wieder zum Guten gewendet.

Schon als Verwalter hatte Vater immer die Sorge, auf dem Lande zu verbauern. Er las viel, wie oft hat er uns wohl in der Osterzeit aus Goethes Faust den Osterspaziergang vorgelesen ! Die Odyssee begeisterte ihn, besonders am Herzen lag ihm Fritz Reuter, den er ganz hervorragend vortrug. Unvergesslich sind die Winterabende beim Lampenlicht, Mutter handarbeitete, wir Kinder bastelten Weihnachtsgeschenke – hinter grossen aufgeschlagenen Notenbänden, wenn unsere Arbeiten für die Eltern bestimmt waren – und Vater las uns Reuters “Ut mine Stromtid” vor. Wenn dann rührselige Stellen und Vater die Tränen kamen, pflegte er zu sagen: Mutter nun lies du weiter!

Auch auf Familienfesten war er der Familienredner und Dichter von Aufführungen, die wir Kinder dann vorführen mussten. Diese Werke pflegte er Mutter vorzulesen: Viel zu lang !  oder : Rolf, das kannst Du nicht sagen ! “Dann mach du die Aufführung” – aber geändert hat er sie doch!

Wir Becker’s haben überhaupt sehr dicht am Wasser gebaut. Ich erinnere, dass an einem Familientage, als sich Vater zur Festrede erhob, von der schwarz gekleideten Serviererin auf einem silbernen Tablett Taschentücher angeboten wurden ! Tante Gretchen König hatte diesen rettenden Einfall. Die Familientage waren jährlich ein Höhepunkt im Leben der Familie Becker. Da scheuten Onkel Adolph und Tante Käthe keine Kosten und keine Mühe, um ihren Beckers einen schönen Tag zu bereiten. Tischkarten mit Fotos von Ahnen, und der Kaffee wurde aus den sehr schönen Ahnentassen, die Onkel Dips mit Bildern der Ahnen hatte anfertigen lassen, getrunken.

Gelegentlich, besonders bei runden Gedenktagen, wurden auch Aufführungen – und zwar von Jung und Alt – dargeboten. Tante Käthe dichtete nicht nur, sie sorgte auch durch ihre Bekanntschaft mit dem Theaterfrisör für Kostüme, Perücken u.s.w.

Tischgesellschaft in Kostümen nach Ahnenportraits - 1926

Tischgesellschaft in Kostümen nach Ahnenportraits – 1926

Schon als junger Mann während seiner praktischen Tätigkeit beschäftigten, ja quälten Vater religiöse Fragen. Er war beeinflusst von den Lehren Drummont’s und erlebte ja als Landwirt täglich das Wirken Gottes. So bildete sich bei ihm eine, wie er sagte, “Bauernjungenreligion” heraus, tief religiös, aber nicht kirchlich. Vater schrieb mal zu Erika’s Geburtstag: “Meine Mutter war eine ganz orthodox erzogene Frau. Sie hat sehr darunter gelitten, dass ihre Kinder ausnahmslos den freieren Auffassungen zuneigten”.  Das geht auch aus einem – im Nachtrag anliegenden – Brief von Grossmutter Therese hervor. Vater schrieb dann etwa 1933 in Kleefeld seine Gedanken auf und veröffentlichte eine Schrift: “Laien-Christentum” – Gedanken eines Landmannes über Gott und Kirche. – im Jahre 1936. Im Vorwort schreibt er, dass die Schrift entstanden sei aus Gesprächen mit seinen Kindern. In der Tat, wir haben immer wieder auf Spaziergängen in der Eilenriede diskutiert. Er hatte – damals noch – Vertrauen zu der neuen politischen Führung, aber er war kein “Deutscher Christ”. Er glaubte, dass die Religion und der Glaube an einen gütigen Gott der stärkste Rückhalt ist, den der Mensch überhaupt haben kann. Und “Von heute an, gehe ich ohne den allergeringsten Zweifel an eine überaus beglückende Zukunft freudig dem Tode entgegen”. (15.12.39). Wie gerne würde Vater wohl mit seinem ältesten Enkel Rolf-Walter, der nun als Ephorus das Predigerseminar leitet, diskutiert haben!
Inzwischen waren die Kinder herangewachsen, hatten das Haus verlassen.
Echter über Studium in München als Dipl.Ing. nach Hamm.
Fritz über Berlin als Dipl.Ing. Architekt in Greifswald.
Gernot als Überseekaufmann über Hamburg nach Afrika.
Gerda über Hildesheim-Berlin als techn.Assistentin.

Mutter brauchte eine neue Betätigung und die Betreuung von jungen Menschen. Sie nahm Haustöchter. Es traf sich gut, dass ihr geliebter Bruder Hans für seine Töchter eine Bleibe suchte, da junge Mädchen in Uelzen kein Abitur machen konnten. Da kam Betty und später ihre Schwester Christine nach Hannover in die Schopenhauerstrasse, auch andere Haustöchter kamen nacheinander. Verschiedene Nichten waren vor der Geburt ihrer Kinder in Kleefeld. So wartete Giesela Becker Veerssen 3 Wochen auf ihre Niederkunft und wurde deshalb “Laura” genannt. So war Mutter immer unermüdlich tätig und so gastfrei, dass man immer vom “Haus zur sonnigen Frida” sprach.

Rolf und Frida Becker

Rolf und Frida Becker

Die Jahre in Kleefeld waren sehr glückliche Jahre, Echter und Erika heirateten und für Gernot und Inge richtete sie die Hochzeit in ihrem Hause, da ja Inges Eltern im fernen Afrika lebten. Eine besondere Freude war es natürlich für die Eltern als sich in Hamm und Hamburg Enkelkinder einstellten.

Bei Beginn des zweiten Weltkrieges wurden Fritz und Gernoteingezogen. Inge war nun allein in Hamburg mit ihrem Säugling Günther. Da nahmen die Eltern ihre Schwiegertochter Inge mit Sohn Günther, zu dem sich noch Gernot gesellte, in Kleefeld auf, das Haus bot ja viel Raum.

Von den Grosseltern wurde mit grosser Freude und Interesse die Entwicklung der Enkelkinder verfolgt und in Briefen darüber ausführlich und stolz berichtet.

Als sich aber auch in Hannover die Alarm Nächte verstärkten, zog Inge mit den Kindern nach Hardegsen im Harz, wo auch – in Bockswiese – Barthold geboren wurde. Die Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung verstärkten sich, das Haus von Onkel Dips an der Königstrasse wurde völlig zerstört und Vaters Geschwister Adolph, Käthe, Gretchen mit Tochter Nora wurden in der Schopenhauerstrasse aufgenommen. Das Haus Königstrasse brannte aus und dadurch wurden unersetzliche Familien-Erinnerungsstücke vernichtet, der in Pommern ausgelagerte Teil ging bei Kriegsende verloren. Die Ahnentassen konnten gerettet werden, sie waren im Keller und wurden von Nora und Gerda mit dem Bollerwagen ein paar Tage später gerettet. Welch’ ein Glück, dass Nora und Gerda, die in der Kinderheilanstalt tätig war, die vielen alten Menschen betreuen konnten, zumal Onkel Dips sehr schwer an der Parkinson’schen Krankheit litt.

Auch Kleefeld wurde nicht verschont. Bombentrichter im Garten und vor dem Hause, das Dach abgedeckt und von Gerda provisorisch wieder eingedeckt, die Haustür fehlte, Fenster zerstört und die alten Menschen in dem nur provisorisch abgestützten Keller – so traf ich bei meiner Durchfahrt nach Eppensen im April 45 das Elternhaus an! Ich konnte den Teppich vor der Haustür durch eine primitive Tür ersetzen. In diesem Zustand erlebten die Eltern auch die Besetzung. Es war ein Glück, dass soviele alte Leute in dem Haus wohnten, daher wurde von einer Beschlagnahme abgesehen, sie nahmen aber noch die Nachbarfamilie Winter, deren Haus beschlagnahmt wurde, mit 2 Ehepaaren auf, und bei der im Hause erfolgten Geburt der Enkeltochter Hannelore Sachs wurde noch eine Pflegerin aufgenommen! Das Essen wurde – es gab ja weder Gas noch Strom – in einem Einmachkessel vom Roten Kreuz in der Kirchröderstrasse mit einer Ziehkarre geholt, es war Trockengemüse, Kohlsuppe und ganz schlimm – Molkensuppe, die mit Süsstoff gesüsst war! Fürwahr eine schwere Kost für 70 und 80 jährige kranke Menschen! Dabei war der Krieg beendet, die Transportverhältnisse besserten sich – die Verpflegung war bei Kriegsende selbst nach Bombenangriffen sehr viel besser gewesen!

So wohnten in dem beschädigten Hause ganz primitiv 13 Menschen ! Was sonst noch vorübergehend auf der Flucht im Hause untergebracht wurde, ist kaum noch zu erfassen, aber es fand sich in dieser Notzeit immer noch ein Plätzchen. Es war grossartig, wie man sich gegenseitig aushalf!  Noch während des Krieges erschien eines nachts nach einem Bombenangriff der befreundete Schauspieler Rippert mit 10 ausgebombten Schauspielern und wurde untergebracht! Eine Schlangenbeschwörerin aus einem Zirkus wohnte mit Schlange im Keller. Eine Frau Maul wohnte 1.1/2 Jahre in einem Kellerraum, ein Herr Müffling lange Zeit im zerbombten Mädchenzimmer – und viele andere folgten!

Frida und Rolf Becker  - 1945

Frida und Rolf Becker – 1945

Was haben die Eltern, besonders Mutter als Hausfrau, geleistet, wie oft hat sie wohl “schlucken” müssen, wenn in ihrer Küche X Parteien wirtschafteten und dies und das brötschelten! Vater war verzweifelt, alle seine Hoffnungen und sein Vertrauen vernichtet. Auf der Rückfahrt von Eppensen im Mai 45 versuchte ich ihn zu trösten und ihm wieder Hoffnung zu machen. Aber dieser Betrug und diese Untaten, die nun herauskamen, konnte ein so grader und anständiger Mensch wie unser Vater nicht verkraften. “Ihr müsst sehen, wie Ihr fertig werdet!” Es kam noch die Sorge um Fritz und Gernot hinzu. Von Fritz lag kein Lebenszeichen vor, von Gernot kam ein kleiner Zettel, er sei in Bessarabien und hoffe auf baldige Entlassung – und wie lange hat er noch warten müssen!

Und Gerda, Fritzens Frau war im Kriegstrubel umgekommen! In einem nicht datierten Brief dankt Vater noch für den Besuch von Rolf-Walter und Jörg, der ihn sehr aufgemuntert hat. Mein Freund Banning hatte die Kinder bei einer Geschäftsreise mit dem Auto nach Hannover mitgenommen. Vater hatte Sehnsucht nach einem Besuch seines Ältesten. Mit dem Zuge kam ich am 15.12.45 an – leider zu spät! Vater hatte in der Nacht die Augen für immer geschlossen. Wenn man von der letzten Zeit absieht, so hatte sich in 81 Jahren ein Leben vollendet, das Vater eine voll befriedigende, beglückende berufliche Tätigkeit und eine überaus glückliche Ehe und Familie bescheert hat.

Wegen der schwierigen Nachkriegsverhältnisse fand die recht eindrucksvolle Trauerfeier, zu der auch Erika – z.T. mit Güterzug – kommen konnte, im Esszimmer unserer Wohnung statt. Die Beisetzung erfolgte erst später. Beigesetzt wurde Vater auf dem Grabplatz seiner Grosseltern Ernst August Becker und Johanne Söhlmann. Die Grossmutter war auch am 15.12. vor 67 Jahren gestorben. Bei der Herrichtung des Grabes fand man eine unversehrte Gruft mit den beiden Zinksärgen und Kränze. Die Gruft wurde beseitigt, die Särge tiefer gelegt und Vater darüber beigesetzt.

Grabsteine Rolf Becker und seiner Großeltern

Grabsteine Rolf Becker und seiner Großeltern

Rolf Becker - Todesanzeige

Vater hat nach seinen Leitsprüchen gelebt, die er auf seinem Schreibtisch täglich vor Augen hatte:
“Treue Pflichterfüllung soll meines Lebens steter Leitstern sein”   und  ” Alles wahrhaft Grosse ist einfach” .Vater war uns allen ein leuchtendes Vorbild in seiner Liebe und Fürsorge für seine Familie, in seiner Gradlinigkeit, Ehrauffassung und in seiner Pflichterfüllung gegenüber seinem Beruf und seinem Vaterland.

Nun aber kam für das ganze Haus eine recht schwere Zeit, zumal die räumlichen Verhältnisse äusserst beschränkt waren. Tante Gretchen erlitt einen Schlaganfall, war über ein Jahr bettlägerig und starb am 19.V.48.
Tante Käthe stürzte, hatte einen Schenkelhalsbruch und musste lange Zeit im Annastift liegen. Onkel Adolph, der wegen seiner schweren Parkinson’schen Krankheit sehr auf die Hilfe seiner Schwester angewiesen war, litt besonders unter diesem Unfall.
Und dann stürzte Mutter, als sie Gerda zur Fahrt in die Kinderheilanstalt, ihrer Arbeitsstätte, abwinken wollte auf der Aussen-Steintreppe und war bewegungsunfähig, sie hatte sich auch den Schenkelhals gebrochen. Gerda setzte sie auf einen Küchenstuhl vor dem Hause und lief zum Annastift, um einen Rollstuhl zu holen, mit dem sie dann Mutter zum Krankenhaus brachte. Mutter blieb dort lange Wochen, die erste Behandlung glückte nicht, sie musste erneut operiert werden. Nach Jahren stürzte Mutter erneut in der Waschküche und der Nagel brach durch, sie wurde aber nicht operiert. Nun konnte Mutter ihr Bein nicht mehr frei bewegen, sie war auf Krücken angewiesen und hat beim Gehen gewiss viele Schmerzen gehabt. Mit eiserner Energie zwang sie sich aber täglich zu einem Spaziergang. – Nur war sie oft glücklich, wenn es regnete !

Als Mutter sich den Schenkelhals brach, Onkel Adolph nahezu bewegungsunfähig lag und auch Tante Käthe noch recht behindert war kündigte Gerda am selben Tage ihre Stellung bei der Kinderheilanstalt und sprang ein. Welch’ ein Glück, wie dankbar sind wir unserer Schwester, dass sie sich so tatkräftig einsetzte, wie glücklich werden aber auch die drei alten Patienten für ihren persönlichen, liebevollen Einsatz gewesen sein!

Onkel Adolph starb am 9.Sept.1947. Tante Käthe führte mit Nora eine engere Hausgemeinschaft. Sie zogen 1965 in das Eilenriedestift. Dort starb Tante Käthe am 3.Sept.1971.

Fritz kam im Sommer 1946 aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Als Handarbeiter arbeitete er zunächst bei der Deurag in Misburg, kurze Zeit beim Architekten Falcke. Er machte sich dann selbständig und baute sich ein Architekturbüro auf und bezog das Dachgeschoss unseres Hauses, das er im Laufe der Jahre ausbaute. Mit Mutter verband ihn eine ideale Hausgemeinschaft, Mutter wiederum war glücklich, wieder eine schöne, befriedigende Aufgabe zu haben.

Eine besondere Freude war für Mutter noch die Verlobung von Gerda mit Erich Krieg, dem Vetter von Fritz’ens verstorbener Frau. Auch diese Hochzeit fand in der Schopenhauerstrasse statt. Bei schönem Wetter ging zunächst ein festlicher Hochzeitszug durch den Wald zur Kirche im Stephanstift und zurück zum festlichen Essen. Als dann im Februar 49 der Enkel Bernd in Hamburg geboren wurde, war natürlich die Grossmutterfreude besonders gross.

Beglückend für uns alle waren natürlich ihre Besuche bei ihren Kindern in Hamburg – später auch in Ludwigshafen bei Gerda – und in Hamm, zunächst in der Lilienstrasse und später in dem von Fritz gebauten Hause an der Schlichterallee.Ich hatte mich inzwischen beruflich verbessert und konnte meinen Fahrer Herrn Röller, nach Hannover schicken, um Mutter abzuholen. Das war für Mutter natürlich besonders schön, da sie ja sehr gehbehindert war. Unvergesslich für uns und unsere Kinder waren ihre Besuche mit ihrem treuen Begleiter Fritz zum Jahreswechsel. Das wurde eine Tradition, die sich bis heute unter ganz anderen Verhältnissen fortgesetzt hat.                                                                  

Aber Mutters Kräfte liessen doch nach. Am 8. Mai 65 kam Gerda mit Bernd aus Argentinien zurück, ein wunderschönes Wiedersehn, mit viel Erzählen. Ob Mutter auf dieses Wiedersehn hin gelebt hat? Zwei Tage später schloss sie ihre Augen für immer. Bei einer Geschäftsreise, die mich am 10.5. nach Hamburg führte, setzte ich Erika auf dem Rastplatz ab, wo Fritz sie abholte. Ich beabsichtigte auf der Rückfahrt, Mutter zu besuchen und wollte dann Erika wieder mitnehmen. Ich kam zu spät! Kurz vor der Vollendung ihres 90sten Lebensjahres hatte sie ihre gütigen Augen geschlossen. Wir hatten unsere Mutter verloren. An der Seite von Vater wurde die Urne am 14.6., ihrem 90sten Geburtstag, beigesetzt. Die eindrucksvolle Trauerfeier hielt Herr Pastor Lüderwald.

 

Abschrift eines Briefes von Therese Becker, geb. Wedemeyer, an ihren Sohn Rolf, geb. 1864.
(Rolf war damals 23 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt studierte er am landwirtschaftlichen Institut der
Universität Leipzig).  Die Absätze entsprechen den Briefseiten.
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Hannover den 11.Nov. 87
Mein lieber, lieber Rolf!
Deine Aufzeichnungen haben mich in innerster Seele erschüttert,
daß ich kaum etwas anderes zu denken vermag — und bei dem
breiten Feld, der unendlichen Größe des Gegenstandes wird es
mir schwer, Dir all mein Empfinden und Denken darüber klar
auszudrücken, und doch eher keine Ruhe finden, bis ich
mit Dir mein geliebtes Kind gesprochen habe. Wo soll ich
anfangen mit meiner Antwort ? bei dem Ruhepunkt Deines inneren
Lebens oder bei der rührenden Einfalt Deiner Kinderjahre !
Wie es mich ergriffen hat zu erfahren, mit welcher Inbrunst
und Wärme Du Deine Konfirmations-
zeit verlebt, kann ich nicht mit Worten sagen, wie ahnungslos
habe ich damals einer solchen Tiefe des Empfindens gegenüber
gestanden und mich kann noch jetzt eine Angst erfassen, ob
ich mich nicht derzeit durch irgendeine unüberlegte Frage,
an Deinem reinen frommen Herzen versündigt habe. Ich habe
nicht gewußt, welche Kämpfe Dir durch W.v.H. geworden sind,
mit Ernst habe ich sie in seiner Konfirmationszeit durchgesprochen,
glaube aber, daß er im Ganzen mehr unberührt davon geblieben
ist. Du armes Kind ! und dann hinaus in die weite Welt und
unter fremden Menschen, den Kampf mit dem eigenen Ich fort-
setzen ! Unter unserem Dache, in meiner Nähe habe ich Dich
nicht schützen können vor dem Gifthauch der Sünde – wie
machtlos steht man da wenn ein liebes Kind in die weite
kalte liebeleere Welt zieht ! -

Freilich bleibt wohl keinem Menschen dieser Kampf seiner
Seele erspart, der eine macht ihn früher durch der andere
später und die Anstöße dazu sind so verschieden. Uhlhorn
<Anm.:Hannoverscher Pastor, der Rolf konfirmierte>
hat es mir damals vorausgesagt und ich habe für Euch gebangt meine
Söhne, daß Euer Glaube könnte schwach werden oder verloren
gehen, aber nie gedacht, daß Einer so würde drum leiden
müssen. Und doch mein geliebter Junge segne ich Deinen
Kampf, er hat Dich zu einer Klarheit und Wahrheit geführt,
die Dich nun nimmermehr verlassen wird und Deinem ganzen
Leben die Richtschnur geben. Daß in ernsten wie in heitern
Stunden, das Bild Deiner Mutter an Deinem Auge vorüberge-
zogen, ist für mich ein Besitz den ich mit keinem Schatze
dieser Welt vertauschen möchte ! Kann ich Dir solche Liebe
danken ? ich wage ja garnicht daran zu rühren und empfinde
nur die unaussprechliche Seligkeit ! -

Das schöne erhabene Bild Deiner inneren Wandlung ist so
rein und tief empfunden, daß ich Dir folgen mußte mit
meiner ganzen Seele, obgleich Deine Stellung zum christ-
lichen Glauben, wie Du wohl wissen wirst, nicht ganz
mit der meinen übereinstimmt. Fern sei es mir eine solche
Innigkeit antasten zu wollen, wer so zu seinem Gott steht,
wie Du mein Liebling, der ist wohl geborgen und doch muß
ich das eine sagen, ob Du wohl bedenkst daß auch Deine Religion
unter sich im Widerspruch steht ! Du kannst nicht
an die Gottheit Christi glauben und bist doch so durch-
drungen von Gottes Allmacht und Weisheit – warum nicht’
glauben wie es die Bibel in beseligender Gewißheit lehrt, daß
Gott Seinen Sohn zu uns armen sündigen Menschen schickte, um
uns Seine Liebe und seine Gnade zu bringen !

Wohl kann auch ich mit meinen Bitten und mit meinem Dank und
meinem Lob direkt zu Gottes Thron dringen und brauche dazu
den Vermittler nicht — Hermine v.Trampe die Diakonisse
sagte mir mal “Gott ist hoch, wir können nur bis Christum
dringen mit unserem Gebet !” Da habe ich einfach geantwortet
“ich kann es und Er ist in seiner Vatergüte auch immer zu
mir gekommen” — und doch würde mir eine unausfüllbare Lücke in
meinem Glauben fehlen, wollte ich nicht Christus als Seinen
mit ganzer Seele lieben. Du sagst, die Bibel ist Menschen-
werk – das muß ich ja so stehen lassen und doch erfaßt mich
immermehr, je älter ich werde, je mehr ich durch Kirchenbesuch
aus ihrem Quell schöpfe, die Ehrfurcht und Staunen vor ihrem
wunderbaren Zusammenhange, das Alles auf das eine große Ziel
unserer Kindschaft zu Gott und die Erlösung

durch Seinen Sohn hinausläuft. Auch ich habe Jahre des Zweifels
und, was schlimmer ist, des lau Empfindens hinter mir, wo meine
Religion mehr in Gefühlsschwärmerei bestand, aber den inneren
wahrhaftigen Kern entbehrte, Uhlhorn hat mich zuerst wieder
zum Leben erweckt und ihm, Philippi und Alfeld, der überzeu-
gungsvoll von Wahrheit durchdrungenen Lehre dieser Männer
verdanke ich es, daß ich jetzt hoffe von mir sagen zu können,
“mein Glaube steht fest.”  Das Leben ist nach der Richtung hin
schlimm mit Dir verfahren mein Junge, Du hast die Leitung
von Männern wie Uhlhorn seit lange entbehren müssen und ich
verstehe vollkommen, daß Du Dich nicht mit leeren Phrasen
zufrieden geben kannst; als ich keinen Führer hatte, aus dessen
Hand ich die göttliche Wahrheit nehmen konnte, da war es auch
für mich die dürre Zeit.  – Ob nicht noch

mal für Dich eine Zeit kommen wird in der Du aus Gottes
Hand “Seinen Sohn” hinnimmst ? bedenkst Du wohl daß Du mit
Deinem Glaubensbekenntnis kein Christ mehr bist ? – Gewiß kann
ein Jude und ein Heide selig werden, wie wäre es wohl anders
von dem Allerbarmer zu erwarten und doch – möchtest Du wohl
in alle Welt hineinrufen “ich bin kein Christ !” ? – Ich habe
mal eine wunderschöne Predigt von Philippi gehört “wer den
Vater lieb hat, wird auch den Sohn lieben !” sie steht unver-
geßlich vor meiner Seele, so wie ich jedes Jahr um Weihnachten
das Hallelujah Seiner Erscheinung und Ostern Sein tiefes Leiden
im Herzen feiere. Ich entsinne mich als Mädchen mal in später
Abendstunde vor dem Schlafengehen bittre Thränen vergossen zu
haben, beim Lesen in der Bibel von Seinem Leiden und Sterben.

und dieses Gefühl der Liebe zu unserem Heilande hat mich doch
nie verlassen, wenn sie auch mehr oder minder lebhaft in mir
gelegen hat. – Wo ist ein Ende zu finden für dies Empfinden
und Denken – ich habe genug gesagt um Dir mein geliebter Rolf
zu zeigen, wie meine ganze Seele sich in die Deine versenkt hat;
zum Schluße möchte ich Dir noch zurufen, daß ich in Deinem
lebhaften Gefühl der Nächstenliebe die beste Bürgschaft für
Deine Zukunft sehe; grade in Deinem Berufe als Landmann, wo
das Wohl und Wehe der Untergebenen zum Theil von Dir abhängt,
ist meiner Ansicht nach – und ich habe es Dir oft gesagt -
Deine Herzenswärme für Nothleidende und Dein
von jeher ausgeprägter Gerechtigkeitssinn die richtige und
nothwendige Begabung, Gott lasse Dich zum Segen für Viele werden !

Nun noch ein Wort über die heiteren Bilder, die Deiner Feder
entflossen sind. Sie sind so reizend, so allerliebst geschrieben,
daß ich Dir zu Deiner eigenen Freude dringend anempfehle, damit
fortzufahren, und gelegentliche Episoden Deines Lebens so Deiner
Erinnerung zu erhalten. Wir beiden Alten, die wir in später
Abendstunde gestern in Deiner Seele gelesen haben, haben zusammen
geweint und zusammen gelacht über unseres Jungen Leid und Freude
und wünschten uns zuletzt nichts Schöneres wie vielleicht nach
Zeiten mal wieder dies liebe Buch zugesandt zu bekommen. Es ist
ein köstlicher Besitz für Dich mein Herzenskind und einem Freunde
vergleichbar, deßhalb sollst Du auch nicht lange davon getrennt
sein, ich sende es Dir morgen früh zurück mit heißem innigen
Dank ! Du schreibst es würde mich mit Wallmoden wieder aussöhnen -
konnte ich solche Stimmungen

bei Dir voraussetzen, wenn Deine Briefe, im Gegensatz zu früheren
Zeiten, mit einem Male jegliches tiefere Eingehen in irgend welche
Anschauungen ablehnte. Ich konnte wirklich nicht ahnen, daß neben
Deiner Entwicklung zum Manne, ruhig und unbeirrt der goldne Quell
der Poesie Dich begleitete. Ich muß gestehen und habe es mit
Wehmut empfunden, ich hatte die Fühlung mit Dir total verloren,
Du wiesest mich zurück in die Grenzen des alltäglichen Lebens,
jedes tiefere Gespräch angstvoll vermeidend und so schwer es mir
wurde, ich mußte glauben, daß Dir Dein “mühsam errungener Stand-
punkt” der Härte unendlich viel werth war. Glaube und fürchte
nicht lieber Rolf, daß Du mit diesem schriftlichen Geständniß,
nun das ganze Gebäude Deiner Manneswürde bei mir umgestoßen
hast, im Gegentheil, nun

ich mich wieder klar und eins mit Dir fühle, wird mich auch das
Gefühl nicht mehr quälen einmal sehen zu wollen, ob ich wohl
doch noch tief innen in Deinem Herzen saß ? O Du hast mich so
unaussprechlich glücklich mit diesem Buche gemacht ! – Nun
ich Dir geschrieben habe mein Junge und so gut es gehen wollte
meine Gedanken niedergelegt, bin ich wieder ruhiger geworden,
Du kannst wohl denken, daß – mich dies Hineinschauen in Dein
Seelenleben in mannigfachster Weise aufgeregt hat. – Gute Nacht
mein lieber Rolf, ich füge morgen noch einen kurzen Gruß bei
und dann hast Du Sonntag Dein Buch wieder ! -

Sonnabend Morgen.
Wieder möchte ich von Neuem anfangen mit schreiben – was ich
gestern Abend niederschrieb ist ja nur so ein kleiner geringer Theil meines
Empfindens und so unendlich Vieles unberührt geblieben. Du
nennst Dich einen “Freigeist” ? Ich muß gestehen, ich habe nie
den Trieb gehabt, in Glaubenslehren einzudringen, die der meinen
entgegengesetzt waren und habe deshalb kein Urtheil über diese
Religion, bin nur immer der Ansicht gewesen, daß die sog.
Freigeister jede Gottheit ableugnen, Alles auf ein Naturgesetz
zurückführen und unser Erdenleben als einzigen Zweck unsres
Daseins ansehen, der mit dem Tode sein Ende erreicht hat. Zu
solchen Anschauungen empfindest Du viel zu warm, rechne Dich
nicht zu ihnen zugehörig, sonst wirst Du neuen Enttäuschungen
entgegenziehn. Ich will jetzt aber schließen, meine Seele
wird noch lange bei diesem Gegenstand verweilen. Innigste
wärmste Grüße von Papa und die ganze Liebe
Deiner treuen Mutter.

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Abschrift eines Briefes von Frida Becker an ihre Mutter Elisabeth Becker in Uelzen. Er ist kennzeichnend für die damalige Situation.
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Münster, den 27.Dez.1919
Mein geliebtes Mutterchen !
Nun sind die Festtage mit ihren Freuden wieder vorbei, aber feiertäglich ist es noch immer für die Kinder. Das Esszimmer, aus dem der Esstisch in Rolfs Stube gerückt ist, ist Weihnachts- und darum Spielstube geblieben. Es war ganz entzückend, am heiligen Abend, die Freude und Glückseligkeit unseres kleinen Herzeblatts zu sehen. Man sagt wohl, dass Kinderaugen wie Sterne glänzen – ich wollte, Du hättest in die grossen, glänzenden Augen unseres Resematz sehen können, als sie mit Aufjauchzen auf den Christbaum zulief, voller Glückseligkeit die Krippe anstaunte mit Maria und Joseph und dem Kind in der Krippe, jedes einzelne Figürchen musste Rolf ihr erst zeigen, beide
sassen auf der Erde unter dem Tannenbaum. Und dann die Freude über die Sachen! Ich hatte ihre alten Puppen neu angezogen, aber Friedel <Anm.: Frau von Gerd Becker> hatte ein Baby geschickt, das lag im Wagen und schlief. Das ist natürlich das Schönste, eine Puppe, die die Augen auf und zumachen kann! Und die grossen Jungen waren auch so beglückt, Echter besonders durch eine Flöte, Fritz durch ein Opernglas von Onkel Dips, Gernot durch Rollschuhe und einen herrlichen Schreibkasten von Ohm Erre <Anm.: Onkel Ernst Becker, Hildesheim>. Von dem Geld, was Du uns und den Kindern so überreichlich geschenkt hast, habe ich noch schnell allerlei Nützliches besorgt, für Jürgen und Fritz je ein Paar wollene Strümpfe, sie sind wohl reine Wolle und sehr kräftig, kosteten aber auch das Paar 37 Mark, hat man Worte für so etwas ? Für mich habe ich allerlei Erwünschtes für die Küche gekauft, u.a. Stoff für 6 Küchenhandtücher, schöner, rein leinener Gänseaugendrell, ich bin so froh darüber, es ist so ekelhaft, wenn man das Küchenzeug so zerlumpt hat. Und nun lass Dir nochmals recht, recht herzlich danken für das reiche Weihnachtsgeschenk, das ist uns eine so grosse Hülfe, mein liebes, allerbestes Mutterchen! Rolf hat mir nun doch noch einen kleinen Gasherd geschenkt, lackiert, ein kleiner Bratofen, einfachste Ausführung, Senking 430 M. Ich bin sehr froh darüber, und meine Köchin auch. Meine Flammen waren so schlecht, ich musste sie doch mit der Zeit ersetzen. Wir haben gleich am Heil.Abend unseren Hasen drin gebraten. Aber für meinen Rippenbraten haben wir den Herd angeheizt. Mein alter Herd ist wieder wunderschön geworden, er brennt und backt wie früher, wenn wir nur erst Kohlen haben. Wir haben von Gausepohls erst aushülfsweise Küchenkohlen bekommen, sonst hätte ich nicht backen und braten können. Übrigens hatte mir Frau Gausepohl eine reizende Schüssel zurechtgemacht, das musste Rolf heimlich aufkramen, ein Pfund Butter, ein Stück Butterkuchen, schöne grosse Zwiebäcke und Weihnachtsgebäck. Das hat mir soviel Spass gemacht. Überhaupt hatten wir viele Freude derart, mein früheres Mädchen, Gretchen, die mit einem Förster verheiratet ist, schickte uns einen Hasen und ein Kaninchen zum Fest, das war doch rührend, und der Mann von meinem früheren Mädchen Anna, die aber schon vor dem Kriege starb, schickte mir einen wundervollen Schweinebraten, ein Nackenstück, ohne Knochen, das ich gleich aufgerollt und in Salz eingelegt habe, um es nachher räuchern zu lassen. Dazu hatte er eine kleine Bratwurst gelegt, mit einem Zettel: “für Gerda Therese.” Er ist ein so rührender anhänglicher Mensch, hoffentlich können wir ihm seine Freundschaft noch mal so recht vergelten. Wir haben gut gelebt in der Festzeit, tun es noch. Lenchen schickte auch drei Kaninchen, da ich noch eins hängen hatte, haben wir zwei eingeweckt. Wir hatten selbst auch grosses Kaninchenschlachten, vier dicke Bengel mussten dran glauben, die haben wir verwurstet, das eine hatte 1/2 Pfund Fett bei sich. Doch nun muss ich Dir erzählen, womit uns die Kinder erfreut haben. Jürgen schenkte mir einen Schlüssel, und als ich nicht wusste, was ich damit anfangen sollte, schickte er mich auf die Suche. So fand ich denn einen Herzenswunsch erfüllt, nämlich eine grosse, weite Schieblade unter meinem grossen, alten Bauerntisch, der mir als Nähtisch dient. In aller Heimlichkeit hatte er getischlert, riesig solide und ordentlich. Heute leimt und bastelt er für mich im Hause herum, leimt alles zusammen, was nötig, geht von Stube zu Stube. Für Rolf hat er Bücher eingebunden. Fritz hat nette Sachen gezeichnet u. sogar Gernot hat sich’s nicht nehmen lassen für uns nette Sachen zu sägen und zu malen. Reizend hatten die Hannoveraner wieder alles für uns ersonnen u. die Kinder in allerliebster Weise beschenkt. Für Rolf hatte Käthe eine besondere Überraschung, sie hat ein niedliches Bild von Resematz und mir vergrössern lassen, entzückend eingerahmt, wirkt es wie ein Genrebild, ganz wonnig, ich habe mich ganz riesig darüber gefreut. Doch nun endlich genug von uns, nur das will ich noch sagen, am ersten Festtag kamen alle Kranolds nachmittags zu uns, am zweiten waren wir nach Tisch zu Meyers geladen, wo die Eltern Pürkosch waren, die Else recht, recht herzlich grüssen lassen. Frau P. sagte, sie hätte vor, in Hannover Station zu machen und von dort Else in Hildesheim zu besuchen, sie sprach so voll herzlicher Freundschaft für Else. Ich hoffe, wir sehen sie noch mal bei uns. Wie hoffe ich so fest, dass sich Else recht gut erholt bei Dir, Mutterchen, halte sie nur recht lange bei Dir fest. Wie geht es mit dem Finger ? Das Schreiben mit der rechten Hand ging ja schon fein wieder. Und wie ist es mit Evchens Wunde ? Wie geht es meinem lieben Dickie ? Ach mein Mutterchen, wie atmete ich auf, als ich durchs Telephon hörte, es geht besser ! Da haben die Kinder hoffentlich rechte Weihnachtsfreude gehabt, hoffentlich kam unsere Kiste heil und rechtzeitig an. Ich freue mich recht auf Briefe von Euch, mein Mutterchen, gerade Weihnachten wandern die Gedanken besonders eifrig zurück in’s liebe Elternhaus, was waren das für glückselige Feste, die Ihr uns bereitetet ! Lebe wohl, mein Mutterchen, Pumpernickel schicke ich in den nächsten Tagen u. gleichzeitig den weissen Stoff für Else und ein wollenes Röckchen das Betty gehört u. das ich in der Eile vergass. Lass Dich fest umarmen, mein allerbestes Mutterchen – wie fein schmecken die Honigkuchen ! – grüsse all Deine lieben Gäste und Hausgenossen, hoffentlich hat Lisabeth viel Freude auf dem Fest.

Lena danke ich sehr für ihre lieben Zeilen, Gerds Pech tut mir so leid – Hier sind die Zeugnisse auch leider sehr schlecht, auch bei Fritz, die Jungen müssen alle drei sehr fleissig sein, um Ostern mitzukommen. Fest küsst Dich Deine dankbare Tochter

Frida.

 

<Anm. von Echter Becker:

“Gausepohl war ein Forstbeamter, der im ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte und dem Vater durch die Siedlungsgesellschaft in Sprakel bei Münster eine Siedlerstelle verschafft hatte. Nach meiner Grippe im Frühjahr 1919 wurde ich in ganz rührender Art in Sprakel von Gausepohls wieder aufgepäppelt.

Die Hausmädchen stammten zumeist aus den Familien der Rentenkötter, denen Vater in seiner Tätigkeit als Spezialkommissar in Wiedenbrück eine eigene Scholle vermittelt mit Hilfe eines Renten- bankkredites. Siehe auch Vaters Lebensbericht vom 22.V.1934″ >

 

 

 

Quellen:
1. Verlustlisten -1.Weltkrieg Ausgabe 1023 ‘ 13.065 vom 22.6.1916 unter  http://des.genealogy.net/eingabe-verlustlisten/search/index