58.862. Hagemann, Tile d.Ä.

 Hagemann

16. Generation 

58.862.          Hagemann, Tile d.Ä.
Bürgermeister; Großkaufmann in Uelzen, Gudesstr.;(Leinen, Baustoffe, Holz).
begr. Uelzen 29.05.1566
1525, ca., verh. in (Uelzen) mit Anna von MELTZING (Q.1);
1529 Kirchenjurat;
1533 Ratmann;
1546 legte er spätestens sein Juratenamt nieder.;
1562 2.Bürgermeister.
1566, 29.05. begr. in Uelzen während der Pestzeit;

Herkunft unbekannt, nicht aus Uelzen.; Tile HAGEMANN gehörte zu den lutherischen Bürgern Uelzens; die die Reformation vorangetrieben hatten.1529 war er erster; luth. rechnungsführender Kirchenjurat an St.Marien in Uelzen; am 29.9.1539 kaufte er von Johann von BODENTEICH aus dessen Hof zu Növenthien eine Jahresrente von 3 Mark.; Erbe seines Schwiegervaters, des Bürgermeisters Albrecht MELTZING.

Seine Aufzeichnungen über Einnahmen und Ausgaben der Kirche; sind die ältesten Schriftstücke, die im Kirchenarchiv aufbewahrt werden. Bemerkenswert ist die auffallend schlechte Handschrift, daran mag es vielleicht liegen, daß er seinen Sohn Tile d.J. dazu heranzieht, die Rechnungen für ihn ins Reine zu schreiben.
Q: 1. Dr.E.Woehlkens, Uelzen; 2. R.Hillmer, ZfNF 61.Jg.,1986,S.24; 3. Woehlkens, Die Auffindung der Stadtchronik des Ratsherrn Tile Hagemann(d.J.) 1958, in Heimatkalender Uelzen 1980.

verh.  um 1525
58.863.          (von) Meltzing, Anna
begr.  Uelzen 25.02.1564
sie  verh. 1. Ehe
Beer, Johann
geb. Celle, (?)

 

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Übernahme aus Meinhard: „Hoefft-Vorfahren“

” Die folgenden Ausführungen befassen sich mit unserem Ahnen Tile Hagemann und basieren auf dem Artikel

Die Auffindung der Stadtchronik des Ratsherrn Tile Hagemann 1958 [1]

Zur Zeit der Reformation, etwa um das Jahr 1525, heiratete der Uelzener Bürger und Kaufmann Tile Hagemann die Tochter Anna des Bürgermeisters Albrecht Meltzing. Dieser war letzter Namensträger eines alten Ratsherrengeschlechtes, denn er hatte keine Söhne. Die Herkunft dieses Tile Hagemann konnte bislang nicht bestimmt werden; vielleicht waren die Hagemanns schon mehr als hundert Jahre früher Bürger in Uelzen.

Der Sohn Albert oder Albrecht ging 1548 nach Wittenberg, studierte Jura und wurde später (1566) Bürgermeister in Uelzen. Heinrich, ein weiterer Sohn, ist früh verstorben. Tile ist derjenige, den die Stadt Uelzen als ihren ersten Chronisten betrachtet.

Vater Tile war ein eifriger Verfechter der lutherischen Reformation; er gehörte zu den 5 oder 6 Bürgern, die sich als Anführer erkennen lassen in jenem Streit, der 1529 zu der gewaltsamen Verjagung des letzten katholischen Probstes Herbert vom Have führte. So gelang er schon in jungen Jahren zu dem Amt eines Kirchengeschworenen von St.Marien, damals von „Unser lewen fruwen kerken“, und Michaelis 1529 wird er rechnungsführender Jurat. Seine Aufzeich­nungen über Einnahme und Ausgabe der Kirche sind die ältesten Schriftstücke, die im Kirchenarchiv aufbewahrt werden.

Bemerkenswert ist die auffallend schlechte Handschrift Vater Tiles, und daran mag es vielleicht liegen, daß er seinen Sohn Tile d.J. dazu heranzieht, die Rechnungen für ihn ins Reine zu schreiben. Die Kirchenrechnung von 1545 zeigt uns zum ersten Male die Handschrift Tiles. Sie ist zwar noch Schönschrift des etwa 15jährigen, ist aber doch schon so charakteristisch für ihn, daß man sie unter vielen anderen erkennt. Da der Vater 1533 Ratsherr, 1566 Bürgermeister wurde und spätestens 1546 sein Juratenamt niederlegte, haben wir keine schriftlichen Zeugnisse des Tile d.J. aus den 50er Jahren. 

Über Tiles Jugend sind keine Nachrichten erhalten. Da er aber der lateinischen, griechischen und auch englischen Sprache mächtig gewesen ist, kann man als sicher annehmen, daß er die Uelzener Lateinschule besucht hat, deren Rektor damals jener berühmte Bernardus Bomgarden war, dessen Philipp Melanchthon in seinem Nachruf auf Herzog Ernst den Bekenner gedenkt, und dort den Unterricht in Griechisch erwähnt.

Über Tiles Beruf sind wir jetzt genau orientiert. Er war Kaufmann und handelte mit den Gütern, mit denen sich im Uelzen des 16.Jh. sichere Geschäfte machen ließen, nämlich mit Leinwand und mit Holz. Seine Ausbildung wird er auf dem Stalhof in London erhalten haben; woher sollte er sonst seine englischen Sprachkenntnisse haben. Es gab eine Anzahl von Uelzener Kaufleuten, die Garn in jeder Menge kauften, ob es auf dem Lande oder auch in der Stadt gesponnen worden war. Dieses Garn gaben sie an Bauernfamilien aus, die davon Leinwand webten. Diese Hausindustrie der Leinwandherstellung ist ja noch bis ins 19.Jh. üblich gewesen, bis die Zuckerrübe aufkam und der Flachsbau eingestellt wurde. Die Uelzener hatten die Dörfer, die für sie arbeiteten, genau untereinander aufgeteilt, so daß keine Konkurrenz aufkam; Tile Hagemann hatte die Dörfer Groß- und Klein-Liedern.

Das auf diese Weise hergestellte Leinen wurde hauptsächlich via Hamburg nach England über den Londoner Stalhof gehandelt. Und wenn man außerdem als Beifracht noch Schiffsholz hatte, das die Seestädte in großen Mengen benötigten – als Rückfracht aber hochwertiges englisches Tuch – dann konnte man mit etwas Glück in 20 Jahren einigen Reichtum erwerben. Das von ihm im Jahre 1591, also ziemlich am Ende seines Lebens versteuerte Barvermögen betrug etwa 2.000 lübische Mark, das entspricht einer heutigen Kaufkraft von nicht ganz 300.000 DM. Der Grundbesitz ist hier nicht mitgerechnet.

1564 vertrat Tile d.J. den Rechnungsführer des Kalands. Unter Kaland oder Armenkiste sind nach der Reformation verschiedene Güter geistlicher Herkunft zu verstehen, die Grundstücke, Kapitalien, Kornrenten, deren Zinsen den Armen zugute kamen, teilweise aber auch zur Besoldung der Geistlichen und Schulmeister verwandt wurden.

Am Schluß der Rechnung von 1564 befinden sich als Nachtrag die ersten persönlichen Aufzeichnungen Tiles aus dem Jahr 1566. Es ist das Jahr einer großen Pestepidemie; Tile nennt die Armen, deren Begräbnis aus der Kalandskasse bezahlt wurde.

1567 übernahm er selbst die Führung der Kirchenrechnung. Ein Neubau der Orgel und ein Turmhelm aus Kupfer statt der gewichtigen Bleibedachung sind Arbeiten unter seiner Leitung als Kirchenjurat.

Im Herbst 1566 heiratet er in Salzwedel die Tochter Anna des Ratsherrn Hoyer Gartzen, der mit Anna von Chüden verheiratet war.

1585 wurde Tile zum Ratsherrn gewählt, und als Jüngster dem Range nach bestand seine Tätigkeit in der Führung der Protokolle im Untergericht unter Vorsitz des Stadtvogts, der für den Herzog ein Drittel der verhängten Geldstrafen kassierte. 

Der Inhalt der Chronik basiert im wesentlichen auf diesen Protokollen, deren Ausführlichkeit ein genaues Abbild des Lebens und Treibens in der Stadt Uelzen bietet. Mit Januar 1584 beginnen die Aufzeichnungen, sie enden mit Tiles Tod Anfang August 1592. Im letzten Jahr war seine Handschrift nicht mehr so exakt wie in all den Jahren zuvor; vielleicht war er länger krank, daß ihn plötzlich der Tod erlöste. An einer Stelle schreibt er von sich selbst, er habe „smale Backen“. 

Das unter seiner Leitung gebaute Haus fiel 1646 dem großen Brand zum Opfer; mit seinen Schriften hat Tile Hagemann sich aber ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Wir Heutigen haben ihn durch einen Straßennamen geehrt. Seine Bedeutung ragt naturgemäß nicht über seine Vaterstadt hinaus, ist darum aber gerade für die Geschichte der Stadt Uelzen um so wichtiger. 

Was ist nun hauptsächlich in dem Protokollbuch zu finden? Ein kurzer Überblick in Stichworten:

Zu- und Abzug aus der Stadt; Stadtrechnungen, Haushaltspläne, Besoldungen, Steuern, Ratsherrenwahl; 

Kaufmannssachen, darunter 3 große Konkurse, auch der des Tuchhändlers Christoph Elers, eines Sohnes der Anna Eschemann, nach der die Eschemannstraße benannt ist. Unter den Gläubigern ist Merchant Adventurer Valentin Palmer aus London mit mehr als umgerechnet 50.000 DM Forderungen;

Handwerkssachen, Streitigkeiten der Innungen, Gebräuche, Beschwerden;

Testamente, Stammbäume ganzer Familien;

privater Streit, Neid, Schimpf, Liebe, Eifersucht, Zauberei, Körperverletzung, Betrug.

Viel wird über den Stadtwald berichtet, über Holzwirtschaft, Fischerei auf dem Fischerhof, in der Ilmenau, Bausachen, Grundstücke und vieles mehr.  ”

 

 



[1] Dr.Erich Woehlkens, Zur Auffindung der Stadtchronik des Ratsherrn Tile    Hagemann 1958, in :Heimatkalender für Stadt und Kreis Uelzen 1980, S.109-112.)