92. Barthold Suermondt – sein Wirken

Barthold Suermondt

Das Leben und Wirken Barthold Suermondts als Kunstsammler und Kenner wird besonders ausführlich von C. Lemcke, Stuttgart, in einem Nachruf [1] beschrieben, in dem deutlich wird, welche außergewöhnliche Persönlichkeit Barthold Suermondt war und welchen Ruf als Kunstkenner er genossen hat. Lemcke muß mit Suermondt gut bekannt / befreundet gewesen sein, da er von vielen Einzelheiten berichtet. Offensichtliche Fehler habe ich angemerkt.

“Am 1. März starb in Aachen ein Mann, der an Geist, Klugheit, Tathkraft, umfassender Kenntnis der Geschäfte und Großartigkeit im Planen und Ausführen und an hoher Bildung, Vornehmheit der Lebensführung und aller Neigungen und an Geschmack, Liebe und täthigem Eifer für die Kunst denen, die ihn kannten, die großen fürstlichen Kaufleute der Mediceer-Zeiten wieder vor Augen stellte: Barthold Suermondt, Ehrenbürger der Stadt Aachen, die seinen Namen in ihrem Suermondt-Museum verewigt, einer der in Belgien und Rheinland bekanntesten Magnaten der Industrie, berühmt bei den Kunstkennern und Sammlern aller Länder, und in Deutschland allgemeiner bekannt, seitdem sich die Berliner königlichen Museen durch den Ankauf seiner Gemälde und Handzeichnungen auch in der holländischen Malerei zu geziemender Bedeutung ergänzten.

Schreiber dieser Zeilen ist erst im letzten Jahrzehnt dem außergewöhnlichen Manne nähergetreten. Andere mögen diesen kurzen Nachruf ergänzen.

Barthold Suermondt wurde am 18. Mai 1818 zu Utrecht geboren. Sein Vater war Direktor der holländischen Münze. In Holland herrschte durch die französische Königsperiode und die danach eingetretene Vereinigung mit Belgien die französische Sprache mehr denn je. Bartholds Mutter war eine Engländerin. So wuchs der Knabe in reichem Hause vielsprachig und in dieser Beziehung international, wie später sein Wirken wurde, auf. Mit 16 Jahren ging er nach Berlin auf die Bauakademie. Er erzählte, daß er dort Mitglied einer Gesellschaft junger Leute zur Uebung der Conversation in neueren Sprachen – ihm wie die Muttersprache geläufig – gewesen sei. Auch unser Reichskanzler gehörte derselben an oder hat sie doch mehrfach besucht.

Mit 18 Jahren trat der Jüngling in das weltberühmte, damals in seiner Art einzige Etablissement zu Seraing. Bis zur Losreißung Belgiens von Holland war der reiche König Wilhelm I. Compagnon der Cockerills gewesen. Sein Austritt und die Erschütterungen durch die Revolutionsjahre waren jetzt in Seraing überwunden; der geniale John Cockerill war der Alleinbesitzer geworden und brachte das gewaltige Unternehmen auf die Höhe seines Rufes, während von seinen mehr als 60 anderen großen Gründungen in verschiedenen Ländern Europas und selbst in Amerika noch sonstige Maschinenbauwerkstätten, Hütten- und Bergwerke, Spinnereien, Tuch-, Glas-, Papierfabriken usw. seiner Leitung unterstanden.

In einem Alter, wo andere zu studieren beginnen, wurde Barthold Suermondt, ein junger Pitt der Industrie, der Sekretär und damit der Stabschef John Cockerills; dann auch dessen Schwiegersohn.[2] Das großartige Disponieren und Anfassen jeder Unternehmung hat er hier gelernt. In Genialität, Energie, immer mit neuer Kraft aufschnellender Elastizität und überhaupt in Macht der Persönlichkeit voll hinreißender Tathkraft fand er in seinem Schwiegervater[3] ein unübertreffliches Vorbild. Nur besondere Zeiten vermögen so besondere Männer hervorzubringen. Nach den großen politischen Umwälzungen und ihren emporstrebenden neuen Heroen, Weltsiegen und Niederlagen wiederholte sich jetzt Ähnliches auf dem Gebiete der Industrie.

In solcher Stellung machte Suermondt dann auch die schwierigen Zeiten durch, die sich nach dem großartigen Aufschwunge an die Zahlungseinstellung der belgischen Bank im Jahre 1839 knüpften. John Cockerill starb 1840 in Warschau, auf der Rückreise von Rußland, wo er neue Anlagen plante: auch Barthold Suermondt ist wohl an den Folgen der Überanstrengung auf einer zu gleichem Zwecke unternommenen russischen Reise gestorben.

Mit 24 Jahren übernahm Suermondt die Leitung[4] des nun in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Seraing und verblieb in dieser Stellung bis 1847, wo er nach Aachen übersiedelte und dort ein Bankhaus gründete.

In den großer Industrie ferner stehenden Provinzen macht man sich schwer eine Vorstellung von ihrem Getriebe. Und nun das Schaffen und Treiben damals im Rheinland ! Führte dies doch auch politisch zu so manchen besonderen Erscheinungen: der Rheinländer fühlte sich an der Spitze der neuen Zeit und mit seinen internationalen, ganz auf Handel und Industrie und Freiheit der Bewegung gerichteten Bestrebungen wie durch eine Kluft getrennt von den auf den alten Bahnen wandelnden östlichen Provinzen Preußens; es war eher ein centrifugaler, der Vereinigung und Verschmelzung mit Altpreußen hinderlicher Geist.

Der Aufschwung der Dampfmaschinen brachte Aufschwung des Fabrikwesens. Gerade die aus England gekommenen Cockerills waren dafür Bahnbrecher geworden. Die Fabriken wirkten auf die Kohlenbergwerke zurück und brachten darin Aufschwung und in Berg- und Hüttenwesen überhaupt. Dies traf zusammen mit dem Bau der neuen Eisenbahnen. Dazu kamen die neuen Telegraphen. So legte 1849 der Artillerie – Lieutenant Ernst Werner Siemens die Telegraphenleitung von Berlin nach Aachen. Eisenbahnen und Telegraphen brachten aber wieder eine völlige Umwälzung in Handel und Wandel hervor.

Es war die Zeit neuer Kräfte und neuer Industrie – Größen. Aus den kleinen Tuchwebern und Spinnern wurden diejenigen, welche zur rechten Zeit vorwärtsgingen, große Fabrikherren, aus kleinen Grubenbesitzern große Bergwerkbesitzer. Auch kleinen Maschinenwerkstätten erwuchsen die bekannten Riesenfabriken. Rheinland ging damals in Deutschland voran. Und im Rheinland war Aachen, wo Hansemann und Genoßen wirkten, eines der Hauptzentren.

Suermondt zählte schnell zu den Ersten der Stadt. Als Chef eines erst in den letzten Zeiten an einen Sohn abgetretenen Bankhauses, als Leiter des Bergwerkes Bleiberg, Präsident des Kohlenbergwerks des Würm-Reviers, Mitglied des Gemeinderats in Aachen, der Aachener Rückversicherung, einer Bebauungsgesellschaft, dann der verschiedensten Verwaltungsausschüsse, so von Seraing, von Eisenbahnen, von älteren und neugegründeten industriellen und mondänen Unternehmungen wirkte er seitdem mit seiner unglaublichen Energie. Der hohe, schlanke, bewegliche, heitere, so einfache wie vornehme Mann mit den feinen, geistvollen, scharfsinnigen Gesichtszügen war wie von Stahl: unermüdlich in der Arbeit, rastlos in einer Täthigkeit, in welcher der Wechsel ihm das Ausruhen ersetzen mußte, dabei den größten körperlichen Anstrengungen gewachsen. Er, der noch mit 60 Jahren wie ein Jüngling aus seinem im schnellsten Trabe daherrollenden Wagen sprang, um einem Bekannten eine Mitteilung zu machen, der von tagelanger Eisenbahnfahrt weg, gleichgültig ob in Herbst- oder Winternacht, auf die ländliche Villa hinausging, wenn er seinen Wagen nicht vorfand, er hat, wie seine Freunde scherzten, je die dritte Nacht seines Lebens auf Geschäftsreisen im Eisenbahnwagen zugebracht. Nerven kannte er nicht. Auf den Reisen begleitete ihn seine Lieblingslektüre; auch bei der Waggonlampe vermochte er bis in die letzten Zeiten zu lesen, wie er pries, bezw. dann beklagte.

Doch ging er nicht auf im Geschäftsmann. In seiner Mediceernatur war der Sinn für das Schöne und die Kunst, der ja so oft sich in großen Handelsherren findet, ebenso mächtig, wie der Unternehmungsgeist.   

 Von umfassender Weltbildung, allem Bedeutenden im Leben der neuen Zeit zugewandt, ein Freund der ritterlichen Künste – und der Sinn dafür hat sich auf alle Kinder vererbt, von denen drei seiner Söhne in den Annalen des Sports bekannt sind – von einem Geschmack, der nur das Schönste und Beste um sich sehen konnte, so schuf sich Suermondt, in erster wie in zweiter Ehe unterstützt, durch den Geist und die hohen weiblichen Tugenden seiner Gemahlinnen aus den großen Häusern Cockerill und Haniel, ein Heim in seinem städtischen Hause wie auf der ländlichen Villa, daß jedem, der ihn dort im Kreise seiner Familie gesehen hat, diese Vereinigung von Geist und Schönheit, von Comfort und erlesensten Werken der Kunst und des Kunsthandwerks, von Freiheit und Vornehmheit unvergeßlich sein wird. Im Vaterhause unter Meisterwerken holländischer und englischer Malerei und in dem altholländischen Geschmack für echtes Porzellan und Wertsachen des Kunsthandwerks aufgewachsen, voll Interesse für die bildenden Künste und besonders für die Malerei, durch seine steten Reisen immer wieder mit dem Neuesten vertraut, war er wie Einer dazu angetan, sich in dem neuen Sport der Reichen als geschmackvoller Sammler auszuzeichnen.

Durch seinen Aufenthalt in Belgien und seine Verbindungen mit Frankreich war er bei dem damaligen deutschen Kunstgeschmack in so weit voraus, als dieser in Westdeutschland noch in der Düsseldorfer Romantik verharrte, um dann doch sich den Einwirkungen der Belgier und Franzosen zu unterwerfen. Suermondt ging sogleich mit den neuesten Richtungen. Es ist bezeichnend, daß er z. B. sogleich die Genialität eines jungen Malers erkannte und denselben förderte, als dessen Düsseldorfer Lehrer ihn als unbegabt hatte fallen lassen. In Paris schnell nach seinem Werte geschätzt, gehört derselbe jetzt zu den ersten Meistern unserer Zeit.

Wie Treffliches Suermondt auch schon vorher erwarb, seine Bedeutung für die Kunst begann seit 1852 nach einem Ankauf von Gemälden aus der größtentheils in Spanien erkauften Sammlung des Obersten v. Schepeler in Aachen. Einmal von der Sammlerfreude ergriffen, ging er mit der ihm eigenen, bis zur Leidenschaft sich steigernden Energie vor, aber auch mit der ganzen Umsicht, Klugheit und Großartigkeit des an große Geschäfte gewöhnten Handelsherrn. Bekannt oder befreundet mit den bedeutendsten Künstlern, deren Rath ihm zu Gebote stand, trat er mit den ersten Kunstgelehrten, Experten und Sammlern in Verbindung, die sich durch die Gemeinsamkeit der Interessen und seinen sachlichen Eifer und Enthusiasmus, sowie durch seine Liebenswürdigkeit mehrfach zur dauerndsten Freundschaft gestaltet. Wie er alles in Bewegung zu setzen wußte, wenn ihn etwas bewegte, war humoristisch anzusehen; er war unerschöpflich im Reden, unermüdlich im Vorwärtsdrängen, in der Wiederholung seines Angriffs: die schwerfälligsten Naturen mußten mit.

In all seinen Bestrebungen war er selbst der Mann; später wenigstens auch in der Kunst, immer mehr führend, als durch Andere bestimmt. Er vereinigte dann aber auch die Kenntnisse des Gelehrten, des Experten und Sammlers in einer seltenen Weise. Er studierte die betreffende Literatur, alte wie neue, und hatte sie mitsamt der schwierigen Monogrammkunde in seinem immensen Gedächtnis immer gegenwärtig. Dazu wußte er die Auktionskataloge von der ältesten Zeit her, sozusagen, auswendig. Noch staunenswerter war seine Anschauungserinnerung. Sein Lernen war stets praktisch mit Autopsie verbunden.

Die großen Galerien kannte er Bild für Bild und wußte das Charakteristische eines jeden anzugeben. Aber als Sammler studierte er nun auch besonders die Privatsammlungen und galt es hierin, die etwa verkäuflichen, seinen Absichten entsprechenden Bilder zu kaufen. Ebenso mit einzelnen Bildern. Keine Mühe war ihm dafür zu groß, kein Weg zu weit, keine Treppe zu steil, keine Reise zu lang, kein Städtchen, kein Dorf zu sehr von der großen Straße abgelegen. Seine Freunde wußten davon Geschichten zu erzählen. Auch bei diesen Ankäufen in aller Herren Länder kam ihm natürlich seine Sprachgewandtheit zu seiner Beredsamkeit und Liebenswürdigkeit des Benehmens und seinem sachlichen Geschicke als Kaufmann sehr zu statten. Gute Bilder, die er gesehen, verlor er nie mehr aus den Augen. Wenn er von einem hörte, ruhte er nicht, als bis er es kennengelernt hatte. So wie er prüfte, vermochte es allerdings nicht jeder. Als er z.B. den Sturz der Verdammten von Rubens aus der Sammlung Dutartre in Paris gesehen, reist er augenblicklich nach München, um aus frischester Erinnerung das Bild mit dem gleichen berühmten Münchener Hauptbilde zu vergleichen. Als er sich vor diesem von dem Originalwert des bisher unbekannten Gemäldes überzeugt hatte, kehrte er nach Paris zurück, um es zu kaufen. So bei jeder Gelegenheit. Sammler für eigene Rechnung pflegten mit Recht zu rühmen, daß sie behutsame Prüfer werden.

 Suermondts Sammlung von Gemälden und Handzeichnungen wuchs in solcher Weise schnell. Die Zeit war für Ankauf noch günstig, denn das Verständnis für niederländische Malerei, der sich Suermondt besonders zuwandte, und die Nachfrage danach begann erst wieder. Es war noch Stauwasserzeit dafür und die Flut setzte erst ein. Dazu kam, daß sich Suermondt nicht auf die altbekannten berühmten Meister beschränkte, sondern mit der neuen, lebendigen, auch in ihrer Art neue Werte schaffenden Kunstforschung ging, die manche früher weniger geschätzte Meister zu hohen Ehren brachte, ja gleichsam neu entdeckte. Besonders in Paris verband sich damit der Kunsthandel in früher nicht gekannter Weise. Es gab im Stil der neuen Zeit Hausse für neue Namen, wogegen alle gedrückt wurden und ihre Werke im Preise fielen. Holländer kamen im allgemeinen hoch; Italiener sanken. Welchen Einfluß hat für die holländische Malerei nur der eine Bürger (Thoré) als Kunstschriftsteller ausgeübt! Um wie viele Millionen hat es sich in wenigen Decennien für den Kunsthandel durch solches Auf und Ab gehandelt!

In sechs Jahren hatte Suermondts Gemäldesammlung, für die er eigene durch Zweckdienlichkeit der Beleuchtung und Flächengewinn musterhafte Räume baute, einen Wert und eine Bedeutung, daß Waagen darüber einen “Raisonnierenden Katalog” schrieb (1859). Bürger, Woltmann u.a. folgten später mit ihren Aufsätzen. Die Galerie war eben für manche Meister ein Unikum. Kein Forscher konnte an ihr mehr vorbeigehen. Nach den alten Denkmälern und Schätzen der Kaiserzeit war in solcher Weise Suermondts Haus die erste Sehenswürdigkeit von Aachen geworden.        

Zu den Bildern kamen darin Schätze der Kleinkunst und des Kunsthandwerks, ererbt oder gesammelt: an Porzellan, antikem und venetianischem Glas, Majoliken, Steingut, Elfenbeinschnitzerei, Silber- und Goldschmiedearbeit, alten Prachtmöbeln usw. Und zählte

Suermondt zu den ersten Bilder- und Handzeichnungskennern, so konnte er z.B. in Bezug auf die schwierige Kennerschaft des alten chinesischen und japanischen Porzellans wohl mit Recht von sich rühmen, daß er darin nur einen einzigen Händler in Holland über sich anerkenne. Auch die modernen Kunsterzeugnisse wurden nicht vergessen. Und die Gartenanlagen seiner Villen, des Stegs und danach des entzückend schönen Heidchens, wo er auch den Baumeister machte! Auch wer viel gesehen, konnte da noch lernen!  Wohl hatte Suermondt die echte sich steigernde Freude des Sammlers an seinem berühmten Besitz, namentlich an seinen Gemälden und Handzeichnungen, die immer wieder – das Vergrößerungsglas trug er stets in der Tasche – bis in die kleinsten Einzelheiten durchstudierte. Aber seine Hauptfreude, seine Leidenschaft war doch auch dabei, wie bei seinen sonstigen Unternehmungen, nicht der Besitz, sondern das Erarbeiten, das Finden, Erwerben, das Heben des Schatzes. Er mußte schaffen. Er kannte keinen Genuß der Bequemlichkeit.

Als seine Galerie voll war, verkaufte er sie an die Königliche Gemäldesammlung in Berlin, in die seine Bilder jetzt aufgeteilt sind. Große Unternehmungen beschäftigten ihn, aber mit dem Verkauf war seine Sammelrneigung nicht abgeschloßen.

Der Ankauf von alten Kunstwerken bringt eine gewisse Leidenschaftlichkeit mit sich, weil er oft eine Art Glücksspiel ist: Hauptsache für den Sammler ist natürlich, Verkanntes, nicht nach seinem wahren Wert Geschätztes zu erwerben und zu beglaubigen. Die Schattenseite ist die große Gefahr, betrogen zu werden. Denn die Fälschung, die bei einiger Klugheit, und namentlich nach Tausch von Hand zu Hand gar nicht als solche gebrandmarkt werden kann, sondern nur geschickte Nachahmung heißt, auf die hereinfallen kann wer Lust und Geld hat, ist bei der Höhe der Preise, um die es sich handelt, unglaublich virtuos. So ist im Handel stets Zweifel geboten, Streit über die Echtheit oft unvermeidlich.

Ein schwer zu täuschender Kenner, gehörte Suermondt, wenn er sich einmal ein Urteil gebildet, zu den scharfsinnigsten und unermüdlichsten Verteidigern seiner Überzeugung. Seine Kämpfe für einzelne, ihm bestrittene Bilder, z.B. für den schon genannten Rubens, sind bekannt. Aber Meinen und Wähnen spielten für ihn nie eine Rolle. Immer kämpfte er phrasenlos mit Gründen; er wollte beweisen und zur Überzeugung zwingen, konnte sich dann aber auch umso mehr gegen Ablehnung erhitzen. Auch als sachlicher Streiter war er musterhaft, wie er z.B. seinen angezweifelten Rubens “Sturz der Verdammten” nach München schickte, das Bild vor Kennern mit dem Bild in der Pinakothek zu confrontieren, desgleichen nach Antwerpen zu gleichem Zweck zur Rubens-Ausstellung.

Hatte er einen Zweifler oder Gegner bekehrt, so war seine Genugtuung so groß wie sein Eifer. Wie oft hat er z. B. in Bezug auf ein oder das andere Bild, das man in Berlin ihm nicht nach seiner Taufe benennen wollte, gesagt: Sie haben es nun doch anerkannt. Sie werden mit anderen auch noch folgen.

Für einen echten Kenner wird die kritische Bestimmung eines Werkes nach Autor, Jahren der Entstehung usw. wie besondere Leidenschaft. Man muß Suermondt gesehen haben, wie er darin gegen sein eigenes Interesse wüten konnte, wenn er z. B. den geringsten Zweifel gegen ein anerkanntes, durch Namen oder Zeichen bestbeglaubigtes Bild seines Besitzes hegte und dasselbe etwa einem minderwertigen Meister zuschrieb. Dann mußte der Name gefälscht sein und das echte Zeichen – seines vermuteten Autors – sich finden. Dann wurde geprüft, und wenn der Name gegen das gewöhnliche Untersuchungsverfahren Stand hielt, mußten drastischere Mittel angewendet werden, auf die Gefahr hin, eine echte Namensbeglaubigung zu zerstören. Wir waren davon Zeuge und haben dagegen einspringen müssen.

War sein Scharfblick und seine Kennerschaft bewunderungswürdig, so war und blieb sein Eifer, zumal für neue Funde, erstaunlich. Und nicht bloß für eigenen Besitz. Einem Freunde, der sich sogleich seinen Beistand sicherte, ward ein großes Bild, ein neuer unbekannter Rembrandt aus Ungarn zur Begutachtung zugeschickt. Diese Spannung und Erwartung! Das Bild stand freilich beim Herausnehmen aus der Kiste noch auf dem Kopfe, als nach dem bloßen Farbenschein die Beteiligten schon aus einem Munde riefen: das ist kein Rembrandt! Zwei Bilder, die nach van Goyen aussahen, und die auch Suermondt beim ersten Blick für van Goyens, beim zweiten aber für Salomon van Ruysdaels erklärte, zeigten bei näherer Prüfung des halb unleserlichen Namen eines ganz unbekannten Meisters, Suermondt hatte nicht Ruh, nicht Rast. Er kam dreimal an einem Tage und suchte alle seine Bücher und Auktionskataloge durch. Bode vermutete auf Befragen den ihm damals nur in einem einzigen Bilde bekannten und nur von einem einzigen Schriftsteller einmal genannten Meister, dessen Name sich auch nach Suermondts eigenhändiger Reinigung der Bilder herausstellte.

Der Kunstenthusiasmus rettete ihn vielleicht 1882 vom Tode. Er hatte sich auf einer Geschäftsreise nach Brüssel seiner Gewohnheit gemäß zu viel zugemutet; nach Anstrengungen in Arbeit, darüber er Essen und Trinken vergaß, Karl dem XII. ähnlich, der ein paar Tage fastete und dann Speck und Bohnen aß und auf einen Ball ging. Schwer krank kam er zurück. Eine Operation mit der Wahrscheinlichkeit tödtlichen Ausgangs wurde für notwendig erachtet. Angesichts des Todes ordnete er sein Haus und schenkte dem Museumsverein in Aachen 51 Bilder, die er sich der Reihe nach vors Bett bringen ließ und am 5. Oktober 1882 mit ergreifenden Worten dem um Aachen so hochverdienten Oberbürgermeister v. Weise vor den berufenen Zeugen übergab. Danach war er zu schwach, die Operation zu überstehen, und als man deshalb damit wartete, half die Natur in glücklichster Weise sich selbst.

 Schon am 10. Oktober fügte der Gerettete noch 55 Bilder hinzu. Die Stadtverordneten-Versammlung ernannte ihn danach zum Ehrenbürger und lebenslänglichen Ehrenconservator des fortan nach seinem Namen geheißenen städtischen Suermondt-Museums.

Unter den Gemälden der ersten Schenkung waren manche beim Verkauf nach Berlin zurückgesetzte. Aber das Museum seines Namens mußte sich natürlich auszeichnen und Treffliches aufweisen. Trotz der großen Krisen, welche die Geschäfte seit dem Wiener Krach durchgemacht hatten und die noch auf seine Unternehmungen in Bergbau, Hüttenwesen und Fabriken drückten, war Suermondt unermüdlich für das Museum durch Schenkungen oder sonstige Bemühungen täthig. Schon im September 1885 gab er wieder 59 erlesene Bilder.

Leider stellte sich das in seiner Familie erbliche Podagra als schlimmer Gast bei ihm ein, zumal er sich weder in Arbeit und auf Reisen, noch sonst in Wind und Wetter schonen wollte. Wegen der Kränklichkeit seiner geliebten zweiten Gemahlin hatte er den letzten Winter in Nizza, den vorigen in Wiesbaden zugebracht. Im letzten Sommer unternahm er während der heißesten Zeit eine bis nach Konstantinopel ausgedehnte Geschäftsreise nach Südrußland, wobei es nichts mehr und nichts weniger galt, als an der Küste des Schwarzen Meeres, ein zweites Seraing zu gründen. Eisenstein- und Kohlenbergwerke, Hüttenplatz usw. waren schon angekauft. Ehe er abreiste, sprach er, ganz erfüllt von dem neuen Unternehmen, doch sein Bedauern darüber aus, daß es ihn hindere, sich der Organisation der Düsseldorfer Ausstellung alter Gemälde zu widmen. Nichts kann den ganzen Mann in dem echten kunstwissenschaftlichen Geist und Streben, darin er lebte, besser charakterisieren, als die Worte seines Briefes:  “Eine ganze Reihe von Bildern, welche noch so gut wie ganz unbekannt hier sind, sollen dort zur Ausstellung kommen und reiches Material zu Studien bilden.” ! Er war 68 Jahre alt und einer der anerkanntesten Kenner der Welt.

 Auf der russischen Reise hat er sich nach dem Urteile seines Freundes, des als Kenner und Sammler von Radierungen berühmten Dr. med. Sträter, wieder viel zu sehr angestrengt. Angegriffen sei er nach Aachen heimgekommen. Der Körper sollte noch immer wie früher seinem unbeugsamen Willen gehorchen, trotzdem er in diesem Alter nach der schweren Krankheit und durch das Podagra die frühere Elastizität nicht hatte zurückgewinnen können.

Suermondt verbrachte diesen Winter in Berlin. Dort erkrankte er und kehrte am 24. Februar fast sterbend nach Aachen zurück. Am 1. März verschied er.

Am 5. März hat Aachen feierlich seinen unvergeßlichen, durch das Suermondt-Museum schöner als durch Erz im Angedenken fortlebenden Ehrenbürger begraben.

Was seine Familie und seine Freunde in ihm verloren, gilt es hier nicht zu sagen.

Stuttgart.                   C. Lemcke.”

Barth.Suermondt – Leeuwarder Courant-26-10-1882

 

 

 

 

 

RHEINISCHE STAHLWERKE

Auszug aus: “Der Werdegang der Rheinischen Stahlwerke”, 1936.[5]

” Mit der Ausbreitung des Eisenbahnnetzes, der Entwicklung der Industrie im allgemeinen und des Maschinen- und Schiffbaus im besonderen setzte in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein wesentlich verstärkter Eisenverbrauch ein. Schon vorher hatte man begonnen, die Kohlenschätze Westfalens zu heben, wobei sich englische, belgische und französische Kapitalisten mit wagemutigen Deutschen verbanden, denen damals bei der Armut des Landes größere eigene Geldmittel noch fehlten. Dem Fortschritt des Kohlenbergbaues in Westfalen schloß sich in  natürlicher Folge eine lebhaftere Gründertätigkeit in der Eisenindustrie an, wobei sich besonders das Gebiet des Niederrheins und der Ruhrmündung bevorzugt wurde. Hier bot einmal die in der Nähe befindliche, schon lange bestehende Gutehoffnungshütte ein Vorbild, und hier schienen auch alle Bedingungen gegeben zu sein, um eine gute Entwicklung der jungen Werke zu gewährleisten, da für die Versorgung mit Werkstoffen und den Absatz der Rhein mit den Hafenanlagen in Duisburg und in Ruhrort alle Vorteile gewährte, und die Kohlenzufuhr in jeder Art und Menge sich schnell und billig von der Ruhr her bewerkstelligen ließ. Auf dem Eisengebiet waren es namentlich wallonische Belgier, die mit Kapital und Unternehmungslust technische Kenntnisse und geschäftliche Erfahrungen sowie auch gewandte und geübte Facharbeiter mitbrachten.

So kam es zur Gründung der Gesellschaft “Rheinische Stahlwerke”, zu der sich Mitglieder der altangesehenen  Aachener Bankierfamilie Suermondt mit verwandten und befreundeten belgischen und französischen Interessenten zusammenfanden.

Am 27. Mai 1870 wurde zu Paris der Gesellschaftsvertrag der

Société anonyme des Aciéries Rhénanes à Meiderich

geschlossen, deren Zweck “die Stahlfabrikation und die Vornahme aller Handlungen” sein sollte, “welche sich in irgendeiner Weise auf diese Fabrikation beziehen”. Das Grundkapital der französischen Aktiengesellschaft betrug 1 Million Franken. Sitz der Gesellschaft war Paris, rue d´Aumale Nr. 4. Das Geschäftsjahr reichte vom 1. Juli bis 30. Juni. Die Gründer der Gesellschaft waren etwa hälftig Deutsche, hälftig Belgier und Franzosen. Unter dem Vorsitz des Bankiers Barthold Suermondt aus Aachen bestand der Verwaltungsrat aus 7 Mitgliedern, die im übrigen Belgier oder Franzosen waren. Administrateur délegué war der belgische Ingenieur George Pastor. Unter der vorzüglichen Leitung dieses klugen und erfahrenen Eisenindustriellen wurde noch während des deutsch-französischen Krieges in der Gemeinde Meiderich, genauer in dem Ortsteil Vohwinkel, der wegen seiner Fruchtbarkeit, seiner wohlhabenden Bauernhöfe und des von ihnen besonders gepflegten Obstbaues berühmt war, ein passendes Gelände unweit des Ruhrorter Hafens erworben und bebaut. Die Grundlage der Erzeugung bildete eine Bessemer-Stahlgießerei mit den nötigen Nebenanlagen, insbesondere einer Fabrik für feuerfestes Material. Der Rohstahl wurde in einem Schienenwalzwerk, einem Feineisenwalzwerk, einem Bandagenwalzwerk und einem Hammerwerk zu marktfähigen Erzeugnissen verarbeitet. Ein Anschlußgleis verband die neue Hütte mit dem Hafen Ruhrort. Ausreichende Werkstätten sowie auch Beamten- und Arbeiterwohnungen wurden alsbald hinzugefügt. Mit der Herstellung feuerfester Steine wurde schon im Juli 1871 begonnen, die Bessemer-Gießerei wurde am 1, September 1871, das Hammerwerk im Oktober 1871, das Bandagen-Walzwerk im Januar 1872, die Schienen- und Feinwalzwerke im Frühjahr 1872 in Betrieb genommen.

Die Hoffnung der Gründer des jungen Unternehmens erfüllten sich zunächst voll, dank insbesondere der geschickten Einrichtung der Neuanlagen und des hohen Gütestandes ihrer Erzeugnisse. Im Geschäftsjahr 1871/72 wurden schon 3682000 kg Fabrikate erzeugt und für 1.468.736 Frcs. Verkauft; die Bilanzziffer zum 30. Juni 1872 schloß ab mit 4.692.385  Frcs. Die Stahlerzeugung stieg im Geschäftsjahr 1872/73 auf 16.643.161 kg, die zum Gesamtpreis von 1.689.090 Talern verkauft wurden, und im Jahre 1873/74 auf 22.471.787 kg im Werte von 2.453.077 Talern. Das damalige Aktienkapital wurde also im Jahre mehrfach umgeschlagen. Die Bewährung der Neuanlagen und der flotte Geschäftsgang in den ersten Jahren verleiteten die Beteiligten, die noch im ersten Geschäftsjahr von einer Dividende Abstand genommen hatten, in dem nächstfolgenden Geschäftsjahr 1872/73 eine Dividende von 26.1/3%, und 1873/74 eine solche von 20% auszuschütten. Weiter aber gaben sie auch Veranlassung, die ursprünglichen Pläne ganz erheblich auszuweiten, wozu natürlich das Gründungskapital in keiner Weise ausreichte. Es fanden daher in schneller Folge Kapitalerhöhungen statt, und zwar wurde schon am 27. August 1871 das Ursprungskapital von 1.000.000 auf 2.200.000 Frcs., dann am 14. März 1872 auf 3.000.000 Frcs. erhöht. Damals wurde auch die Umstellung aus französischer auf preußische Währung vorgenommen: die französischen Aktien über 3.000.000 Frcs. wurden sämtlich eingezogen und durch 8000 neue zu je 100 Talern ersetzt. Dieses Kapital von 800.000 Talern wurde weiter am 27. Januar 1873 auf 1.000.000 Taler und am 7. Juni 1873 auf 1.500.000 Taler erhöht, weil immer wieder für die Erweiterung des Werksgeländes, die Durchführung von Neuanlagen, den Bau von Arbeiter- und Beamtenhäusern und den vergrößerten Betrieb Geld gebraucht wurde.

Auch in der Organisation der Gesellschaft wurden bald Änderungen vorgenommen, die dem überaus schnellen Wachstum des Betriebes Rechnung trugen. Am 11. Januar 1872 beschloß eine ordentliche Generalversammlung, den Sitz der Gesellschaft von Paris nach Meiderich zu verlegen und nach deutschem Aktienrecht einen Aufsichtsrat einzusetzen, während der bisherige Verwaltungsrat als Vorstand bestellt wurde. Die Arbeiterzahl des Werkes wuchs bis 1875 zur Höchstziffer von 890 Mann. Bald ließ sich jedoch der ganze, überschnell gewachsene Aufbau nicht mehr weiter durchführen, weil inzwischen mit dem Krach der sogenannten Gründerjahre die gute Konjunktur dahinschwand. Dazu kam auch noch ein weiterer Umstand: der Bessemer Stahlbetrieb war begründet hauptsächlich auf die Zufuhr ausländischen Roheisens, das auf dem Wasserwege den Rhein heraufkam. Die in der hohen Konjunktur sich zeigende Knappheit an Roheisen hatte die Werksleitung zu übermäßig langen und teuren Abschlüssen verleitet, um nur ja im Grundstoff für die Bessemerei gedeckt zu sein. Als man beim Absinken der Erzeugung und beim Eintreten von Verlustpreisen bei ihrem Verkauf nicht mehr in der Lage war, die abgeschlossenen Roheisenmengen abzunehmen, wurde man zur Ablösung der Verträge gegen ein für damalige Verhältnisse riesiges Reugeld von über 800.000 Mark gezwungen, und bald schien der finanzielle Zusammenbruch unabwendbar. Eine für den 28. November 1877 einberufene Gläubigerversammlung sah sich einer Summe von 2.270.000 Mark Passiven gegenüber, während das Aktivvermögen nur auf 1.236.000 Mark geschätzt wurde. In dieser Not wandten sich die Beteiligten an den damaligen Direktor des Rhein-Ruhr-Kanal-Aktienvereins in Duisburg, Dr.jur. Feodor Goecke, der ein berechtigtes Ansehen als kluger Jurist und erfahrener Wirtschaftler genoß. Diesem Manne gelang es, nach angestrengten Bemühungen und überaus schwierigen Verhandlungen mit den Gläubigern und Beteiligten eine Sanierung dergestalt herbeizuführen, daß die Hypotheken- und Buchgläubiger Prioritätsaktien für ihre Forderungen übernahmen, während die alten Stammaktien auf 12% zusammengelgt wurden. Daneben gelang es noch, Barzeichnungen auf neue Prioritätsaktien zu erlangen. Die endgültige Beschlußfassung über die Sanierung erfolgte in der Generalversammlung vom 5. Februar 1878 und ergab nunmehr ein Aktienkapital von 4.718.400 Mark, eingeteilt in drei Gruppen mit verschieden gestaffelter Gewinnberechtigung.

                        Aus: Rundbrief  an die Aktionäre vom 14. November 1877:

“  … Sie werden nicht erstaunt sein, wenn wir Ihnen eingestehen, daß wir bei der traurigen Lage der gesamten Eisenindustrie in Zahlungs-Schwierigkeiten gerathen sind. Zu diesen allgemeinen Schwierigkeiten sind noch Creditbeschränkungen getreten, die es uns unmöglich machen, unseren Verbindlichkeiten in der Weise nachzukommen, wie wir dies zu thun gewünscht hätten….”

Aus: Geschäftsbericht für die Generalversammlung vom 28. November 1877

 ” … Während der letzten Jahre hatte unsere Gesellschaft allerdings schwer mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Um diese zu bekämpfen, hat der Vorstand sogar persönliche Opfer gebracht, doch gelang es uns nicht die Lage dauernd zu bessern….”         1874 wurde, um dem Übelstande abzuhelfen,   “eine, auf eine Grundschuld basirte, mit

6 pro Cent verzinsliche und binnen 10 Jahren ,vom Jahre 1877 ab, allmählich zu amortisirende Obligationen-Anleihe von M 1.800.000 aufgenommen …”   Wie alle Werke in Rheinland-Westfalen hegte man  die Zuversicht, daß “die Zukunft der Stahlindustrie eine gesicherte sei”.

Konjunktur ging aber mit Riesenschritten zurück.

“….Um diesem Zustande ein Ende zu machen, entschlossen wir uns, im zweiten Semester 1875, die noch laufenden Roheisencontracte abzulösen, was uns denn auch, allerdings nur gegen Auszahlung der’ sehr bedeutenden Differenzsumme von c. 828 000 M. gelang. Um die Gesellschaft von diesem Verluste zu befreien, schenkte der Vorstand aus freien Stücken der Gesellschaft einen gleich hohen Betrag in Actien der Gesellschaft. Durch dieses bedeutende Opfer glaubte der Vorstand die Zukunft der Gesellschaft gesichert zu haben,. Der Ruf unseres Werkes war ein guter und unsere Producte erfreuten sich .überall des besten Namens…” Ein Bankkredit von 2 Mill. M. wurde bereitwilligst gewährt. So konnte man “kräftig fortarbeiten”.

Die Lage wurde jedoch immer schwieriger!

                         Ausweg RUSSLAND!

“…Seit zwei Jahren schon war der Gedenke in uns rege geworden, ob nicht für unser Unternehmen durch Teilnahme an einem Stahlwerk in Rußland eine günstige Combination zu treffen wäre. Es wurden Seitens des Vorstandes verschiedene Unterhandlungen theils mit dem russischen Staate, theils mit russischen Firmen geführt, welche aber fehlschlugen. Der Gedanke lag nahe, die eine Hälfte unserer Bessemeranlage welche hier brachliegt, nach Rußland, wo die Stahlindustrie eine große gesicherte Zukunft hat, zu schaffen. Im Juni dieses Jahres tauchte eine neue  Combination auf: es wurde uns Gelegenheit geboten, mit einer der ersten wenn nicht sogar der ersten industriellen Firma Rußlands in Verbindung zu treten, in Betreff der Betheiligung an einem in. Polen neu zu errichtenden Stahlwerke gegen Einbringung der oben erwähnten Maschinerien. Dieses  Resultat wurde erzielt, Dank dem ausgezeichneten Rufe unserer Producte und vermöge der persönlichen Beziehungen einiger Mitglieder des Vorstandes zu den Chefs der russischen Firma   “   Das hier totliegende Maschineninventar soll gegen eine Beteiligung von 200 000 Rubel Actien des polnischen Werkes eingebracht werden. “…  Das Unternehmen wird, kraft der schon gemachten Bestellungen, der Prämien , die auf im Lande fabricirte Stahlschienen vergütet werden und der Eingangszölle, während der ersten Jahre 30% Dividende abwerfen was für die uns zufallende Betheiligung von S.R. 200 000

S.R.  60 000 oder rund R.M. 120.000 jährlich ausmachen würde …”   Das Stahlwerk wird durch die Abgabe der Maschinen nicht leiden.  “Seit dem Bau der 2. Bessemer-Anlage hat man überall enorme Fortschritte in der Massenproduction gemacht, so daß wir heute mit; 4 Convertoren ebensoviel leisten, wie vor 3 Jahren mit 8 Convertoren …”

Der Abschluß mit den Russen ist perfekt, es handelt sich nur noch darum, die betreffenden Maschinen aus der Pfandschaft (Obligation) zu lösen.

Sanierung ab 1877:

Am 28. November 1877 fand in Düsseldorf  eine Gläubiger-Versammlung statt, bei der Dr. Feodor Goecke, Direktor des Rhein-Ruhr-Canal-Actienvereins Vorschläge zur Neugestaltung der Gesellschaft machte, um Konkurs abzuwenden.

“Verschiedene der anwesenden Herren Creditoren sprachen sich über das Renommée, die geographische Lage, die technische Leitung und die Qualität der Fabricate der Gesellschaft im höchsten Grade anerkennend aus.”

Neue Gläubiger-Versammlung am  12. Dezember 1877 :
Vorsitz 0. Keller, Direktor der Duisburg-Ruhrorter Bank zu Duisburg.
Beschlossen wird: Fortführung des Werkes.
Unter dem 13.12.77 wird durch Rundbrief zur Zeichnung der Aktien aufgefordert, die von der belgischen Gruppe als notwendig zur Fortführung der Gesellschaft bezeichnet worden sind.

Goecke arbeitet ein neues Statut aus.
Wahl einer Kommission, die die Gesellschaft reorganisieren soll.

 Außerordentliche  Generalversammlung vom 21. Dezember 1877:

Beschlüsse:
a) Änderung der Statuten,
b) Erhöhung des Kapitals zur Tilgung der Grundschuld,
c) Reduktion des bestehenden Kapitals.

Barthold Suermondt, Rentner aus Aachen, Vorsitzender des Vorstandes, wird zum Vorsitzenden der GV gewählt.
Scrutatoren:  Robert Suermondt und Henry Dick.
(Barthold Suermondt hat 5 000 Aktien mit 500 Stimmen
Robert Suermondt hat 1 000 Aktien mit 100 Stimmen)

Außerordentliche Generalversammlung vom 5. Februar 1878 wählt folgenden Aufsichtsrat:

1.  Dr. Feodor Goecke ,Duisburg
2.  Emile Jamme, Lüttich
3.  Ernest Nagelmackers, Lüttich
4.  Barthold Suermondt, Aachen,
5.  Engelbert Klingenberg,  Ludwigshafen
6.  Charles Smith, Barrow (England)            ++
7.  Eduard Klein, Au / Sieg
8.  Lambert Bicheroux, Bonn
9.  Theodor Böninger, Duisburg

++ vertritt Millem, Barrow, Lonsdale, James Baim.

Barthold Suermondt nimmt die Wahl zum Vorsitzenden nicht an, darauf wird es Dr. Goecke,    Stellv. Böninger.

Aufsichtsrat beschließt in seiner Sitzung am 6. Februar 1878, daß der Vorstand sich zusammen setzen soll aus:

1. kaufmänn. Direktor Emil Goecke (zur Zeit noch bei der Krupp´schen Johannishütte in Duisburg-Hochfeld,
2. techn. Direktor: kein Beschluß, Goecke soll mit Gustave Pastor verhandeln,  der in  Ougrée tätig ist (Belgien).

 Vorstand hat sich bis dahin zusammengesetzt aus: Barthold Suermondt; Ingenieur Benoit Adolphe de Vaux, Lüttich; Direktor Georg Octave Pastor, Warschau; Kaufmann Max Barthold Haniel, Ruhrort.

In der Generalversammlung vom 31. Oktober 1879 wird mitgeteilt, daß die Reorganisation abgeschlossen ist.

Hand in Hand mit diesen geldlichen Maßnahmen gingen durchgreifende Änderungen der Gesellschaftssatzungen und ein einschneidender Wechsel in der personellen Leitung der Gesellschaft. George Pastor trat von der Leitung der Hütte zurück und sein Bruder Gustave übernahm die Stelle des technischen Vorstandsmitgliedes. Dr. Feodor Goecke, dessen Klugheit und Geschicklichkeit die Aufstellung und Durchführung des Sanierungsplanes gelungen war, trat auf Bitten der Beteiligten als Vorsitzender an die Spitze des Aufsichtsrats und berief seinen Bruder Emil Goecke als kaufmännisches Mitglied in den Vorstand, der nunmehr nur noch aus 2 Personen bestand. Im Aufsichtsrat, unter Vorsitz von Dr. Feodor Goecke, verblieb von den alten Mitgliedern nur Bankier Barthold Suermondt aus Aachen. Neu gewählt wurden die Herren Lambert Bicheroux in Bonn, Bankier Nagelmackers in Lüttich, Emil Jamme in Lüttich, Theodor Böninger in Duisburg, Karl Röchling in Saarbrücken und Eduard Klein in Heinrichshütte bei Au an der Sieg.

Die Sanierung war außerordentlich gründlich vorgenommen worden. Sie hatte nicht nur alle Schulden in Aktien umgewandelt, sondern auch reichlich neues Betriebskapital gebracht. Dabei war das Hüttenwerk in vorzüglicher technischer Verfassung und der Ruf der Stahlerzeugnisse, insbesondere der Schienen, Bandagen und Radsätze, blieb im In- und Auslande ausgezeichnet, umsomehr als die technische Leitung des Unternehmens durch Gustave Pastor dem glänzenden Vorbild seines Bruders George nacheiferte. Die Preise blieben zwar noch gedrückt, aber die Konjunktur zog doch wieder etwas an, sodaß die Gesellschaft an den ursprünglich schnellen Aufstieg ihrer Erzeugnisse von neuem anknüpfen und sich stetig entwickeln konnte. Hierzu trug auch der Umstand bei, daß es durch Vermittlung der belgischen Beteiligten gelungen war, eine ganze Bessemer-Apparatur, die in Meiderich während der schlimmsten Zeit überflüssig geworden war, an ein von Belgiern in Russisch-Polen neu gegründetes Werk gegen Aktienbeteiligung von 120.000 Rubel zu verkaufen. Diese russische Beteiligung, die schon bald hohe Dividenden brachte und immer gewinnbringend blieb, – in manchen Jahren 40 und 50% Dividende – wurde später mit großem Nutzen teilweise verkauft, teilweise umgetauscht in Aktien eines anderen russischen Eisenwerks, der Société Dniéprovienne du Midi de la Russie, an der die Gesellschaft zeitweise mit 400.000 Rubel beteiligt war, und in ihrem letzten Rest beibehalten bis in den Weltkrieg hinein, der sie dann vernichtete. (1914/18)  [6]

Aus dem Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 6. Februar 1878
(Verschiedene Sanierungsmaßnahmen):

“5. Veräußerung von Maschinen pp an die Pragaer Stahlwerke gegen Actien dieses Unternehmens:

Der Firma Lilpop, Rau & Löwenstein zu Warschau sei von der Kaiserl. Ruß. Regierung die Anfertigung von 1,800,000 Pud ( ca. 30.000 Tons) Stahlschienen gegen sehr günstige Bedingungen und große Prämien übertragen, jedoch unter der Bedingung, daß die Anfertigung im eigenen Lande auf eigenen Etablissements erfolge. Behufs Ausführung dieses Unternehmens sei die Gründung einer Actien-Gesellschaft in Praga mit einem Actien-Capital von S.R.   1.200.000 verabredet, das wie folgt zusammengesetzt:

S.R.     600.000  von L. R. & Löw. baar eingezahlt,
120.000  Prämie an L. R. & L. für Einbringung des Schienenvertrages
100.000  Barth. Suermondt und G. O. Pastor für Einbringung der Maschinen der  Rhein.
Stahlwerke
100.000  Prämie für Barth. Suermondt und G. O. Pastor für deren
Mitwirkung, insbesondere für den Übertritt des Herrn G. O. Pastor,
200.000  von Herrn Scheibler baar einzuzahlen,
              80.000  von Herrn  B. Suermondt und G. O. Pastor baar einzuzahlen.
S.R.  1.200.000

Schon bei Abschluß dieses allerdings nur mündlich vereinbarten, aber allerseits als gültig betrachteten Vertrages sei indeß eine Combination mit einer anderen Gesellschaft (Starachowitza) vorbehalten, welche ebenfalls unter ähnlichen Bedingungen die Anfertigung von ca. 20.000 Tons Stahlschienen übertragen erhalten habe, und es sei für diesen Fall auch eine Änderung des Abkommens ausdrücklich vorbehalten. Die Fusion mit Starachowitza sei zum Abschluß gekommen und liege  mit dem Status der neuen Gesellschaft der Kaiserl. Ruß. Regierung zu Genehmigung vor.

Theils in Folge dieser Fusion, theils in Folge der sehr störend in den Bau des neuen Werks hineingefallenen Zahlungsstockungen der Rhein. Stahlwerke, theils in Folge Rücktritts von Herrn Scheibler sei jetzt die neue Actiengesellschaft auf ganz neuer Grundlage, nämlich Wegfall aller Prämien und Reduction des Actien-Capitals auf 1 Mill. S.R. geplant. Von dem Actien-Capital fielen:

S.R.     600.000   auf Lilpop, R. & L., baar einzuzahlen,
280.000     “   Starachowitza       desgl.
___       120.000     “   Rhein. Stahlwerke für die Maschinen
Sa.   1.000.000

Die Russischen Interessenten hätten in Folge der Fusion das Interesse verloren, an dem Maschinenvertrage festzuhalten, und es sei nur den persönlichen Rücksichten gegen ihn (Herrn Pastor) zuzuschreiben, daß sie überhaupt daran festhielten und den Preis von 100.000 S.R. auf 120.000 S.R. unter Wegfall der Prämien erhöht hätten. Er hoffe, zu erwirken, daß die Russischen Interessenten von der Lieferung der mit dem Verzeichniß  der zu liefernden Objecte figurirenden 6 Cupolöfen ohne Preisminderung absähen, rathe aber im Übrigen zu Annahme der veränderten Offerte, die er wegen Wegfalls der gesamten Prämien und wegen Einbringung der 20.000 Tons von Starachowitza für besser, als die frühere Offerte von S.R. 200.000 halte.

Nachdem Dr. Göcke noch den Inhalt der von Seiten der Herren B. Suermondt und G. O. Pastor zu Gunsten der Rhein. Stahlwerke ausgestellten Cession vom 7. Januar a.c. mitgeteilt hatte, in welche gleichfalls eine Änderung resp. Umgestaltung des russischen Unternehmens enthalten ist, ersuchte der Aufsichtsrat den Herrn G. O. Pastor, die Russischen Interessenten zu einer bestimmten Offerte zu veranlassen, und hierbei in Gemäßheit der bei dem Gläubiger Arrangement von ihm eingenommenen Stellung dahin zu wirken, daß das Interesse der Rhein. Stahlwerke nach Möglichkeit gewahrt werde, jedenfalls aber solche Objecte von der Lieferung ausgeschlossen würden, deren Reparatur den Rhein. Stahlwerken große Kosten verursachen werde.”

Aufsichtsrat nimmt am 18. Februar 1878 Vertrag an. Russen drängen auf Abschluß, keine Zeit mehr, Sache vor die Generalversammlung zu bringen.

Aufsichtsratssitzung vom 14. Januar 1880: 

“Der Vorsitzende macht Mittheilung von den Briefen des Comité provisoire des Aciéries de Varsovie, d.d. 13. u. 14. December 1879 betreffend die Bildung dieses provisorischen Comités und die Zutheilung von 30.000 Rubeln der neuen Actien Emission, welche letzteren zu je einem Drittel von den Herren Barthold Suermondt, C. Röchling und G. O. Pastor übernommen worden sind.”

Russische Beteiligungen:

Aus:  Bericht des Aufsichtsrates für die Generalversammlung am 7. Okt. 1881:

“….Das Conto der Betheiligung an den Warschauer Stahlwerken (120 000 Rubel Actien) zum Werthe von 240 000 M. haben wir ungeändert gelassen. Das Werk hat pro 1879  10 Procent, pro 1880  43 Procent .Dividende vertheilt, und es steht zu hoffen, daß auch pro 1881 eine ähnliche Dividende erzielt werden wird …..”

Aus:   Bericht des Vorstandes für die Generalversammlung vom 29. Sept. 1886:

…An dem Bestande und der Bewerthung der Warschauer Stahlwerks-Aktien (150 000 Rubel zum Buchwerth von 240 000 M.)hat sich nichts geändert. Das Werk hat, wie …, im verfloßenen Jahre keine Dividende vertheilt, in Folge der außerordentlichen Erhöhung der russischen Roheisenzölle und der dadurch bedingten Erhöhung der Produktionskosten des Werks, welches wegen der enormen Entfernung vom Ural auf den Bezug von ausländischen Roheisen angewiesen ist, und für welches daher die erhebliche Erhöhung der russischen Roheisenzölle geradezu vernichtend wirkt. Es ist deshalb seitens der Warschauer Generalversammlung der Beschluß gefaßt, das Werk von Warschau nach Süd-Rußland zu verlegen, wo Kohlen und Eisenstein nahe zusammenliegen und man sich durch  Errichtung von Hochöfen vom Bezuge ausländischen Roheisens unabhängig machen kann. Verdient wurde im Jahre 1885 bei einem Kapital von 2.500.000 Rubel ein Betrag von 155.076,45 Rubel, der zu Abschreibungen verwand wurde. Wir haben es im Einverständnis mit dem Aufsichtsrath nicht für nötig  gehalten, auf unsere Betheiligung am Warschauer Stahlwerk eine Abschreibung vorzunehmen, da die Aktien bei dem heutigen Rubel-Course nur zu 80% zu Buche stehen und der Betriebsfonds des Werkes ca. 1.400 000 Rubel beträgt. Dazu kommt, daß im Jahre 1888 jede Aktien der Warschauer Stahlwerke 5 Aktien der Poutoloff’schen, Eisenwerke. In St. Petersburg erhält, an welchem Etablissement das Warschauer Stahlwerk betheiligt ist. Der Bilanzwerth von 150.000 S.R. ist daher keineswegs zu hoch …”

Aus dem Protokoll über die AR-Sitzung vom 29. September 1886:

“Barthold Suermondt machte über die Sachlage weitere Mittheilungen, insbesondere die, daß die Gesellschaft Cockerill definitiv beschlossen habe, sich mit 2 Mill. Francs zu betheiligen, und daß die einzubringenden Werthe ohne jeden Gründergewinn eingebracht werden sollen. Die Höhe des Gesellschaftskapitals wird je nach Umständen 4 bis 5 Millionen Mark betragen …..” (Südrussisches Unternehmen)

Aus: Bericht des Aufsichtsrats für die Generalversammlung vom 12. Okt. 1887

 (Verlegung von Praga in den russischen Süden)  “….Zu diesem Zwecke traten die Warschauer Stahlwerke mit der Sociéte John Cockerill zu Seraing zu gemeinschaftlichen Vorgehen in Verbindung und nach längeren schwierigen Verhandlungen, an denen auch Mitglieder unseres Aufsichtsrathes sich betheiligten wurde der Gründungsvertrag über eine Aktiengesellschaft ‘Sociéte Metallurgique du Midi de la Russie’  mit dem Sitz zu Kamenskoie auf dem rechten Dnieper-Ufer (37 km von Jekaterinoslaw) abgeschlossen.

Das Aktienkapital beträgt 5 Millionen Rubel, woran wir mit 250.000 Rubel betheiligt sind. Die Gesellschaft bezweckt die Stahl- und Eisenproduktion und zwar auf Grundlage eigener in Rußland gelegener Kohlen- und Eisenstein-Gruben. Der Bau des Kamenskoier Werks (Hochöfen und Stahlwerk) schreitet rüstig fort, einzelne Theile nahen sich der Vollendung und gegen Ende des nächsten Jahres steht nach den uns gewordenen Berichten die Inbetriebsetzung des Werkes zu erwarten,. Wir haben großes Vertrauen in die Zukunft des neuen Werkes, und sind überzeugt, daß unsere Betheiligung an demselben unserer Gesellschaft von großem Nutzen sein wird….”

Aus:   Vorstandsbericht für die Generalversammlung vom 12. Oktober 1889:

“…Auf dem südrussischen Werk hat man bereits 2 Hochöfen angeblasen, auch ist das Bessemerwerk, sowie das Schienen- und Bandagenwalzwerk bereits in regem Betrieb…. Wir wollen dazu bemerken, daß wir aus unserer Betheiligung bei den Warschauer Stahlwerken seit 1879 (abgesehen von einem Gewinn v. 60.000 M. für verkaufte junge Actien) 189% Dividende erhalten haben = 18,9% p. Jahr …”

Die Bearbeitung dieses Sachgebietes dürfte bei Barthold Suermondt gelegen haben, da er  immer wieder dem Aufsichtsrat darüber Bericht erstattet.

Er und Robert Suermondt nehmen an den Generalversammlungen in Warschau teil. Er empfiehlt stärkere Beteiligung bei Warschau.

Dem langsamen, zähen Fortschritt, in welchem sich die Gesellschaft befand, drohte um die Wende der Jahre 1879/80 eine gefährliche Stockung, als die von Bismarck zum Wohle der gesamten Eisenindustrie Deutschlands eingeleitete Zollpolitik zur Wirkung kam. Mangels eigener Hochöfen waren die Rheinischen Stahlwerke noch immer auf den Bezug fremden Haematit-Roheisens angewiesen, das hauptsächlich aus England bezogen wurde. Dieses Roheisen wurde jetzt durch die neue Zollgesetzgebung mit einem so hohen Zoll belegt, daß die Wettbewerbsfähigkeit der Hütte Meiderich gegenüber den anderen deutschen, eigenes Roheisen verarbeitenden Stahlwerken erheblich ins Hintertreffen wäre. Auch die günstige Wirkung für die Preishaltung der hergestellten Fertigerzeugnisse hätte daran nicht viel geändert. In diesem Zeitpunkt kam dem Werk die Rettung aus der Tatkraft seines technischen Leiters Gustave Pastor, der mit dem ihm eigenen Scharfblick die ungeheure Bedeutung des von dem englischen Ingenieur S. G. Thomas erfundenen Entphosphorungsverfahrens für die Stahlherstellung erkannt, die Einzelheiten persönlich in England durchgearbeitet und auf der Hütte Meiderich die nötigen Vorarbeiten zur Einführung dieses Verfahrens geleistet hatte. Dabei kamen ihm die reichen Erfahrungen zustatten, welche sein Bruder George in der von ihm gleichzeitig mit dem Bau des Stahlwerks errichteten Fabrik für feuerfeste Steine gesammelt hatte, denn die neuartige Ausfütterung des Stahlkonverters bildete einen wesentlichen Teil der Erfindung von Thomas. Am 22. September 1879, dem gleichen Tage, als auch auf dem Hüttenwerk des Hoerder Vereins von den in gleicher Richtung vorgehenden Herren Massenez  und Hilgenstock die erste Thomascharge erblasen wurde, gelang es Gustave Pastor, phosphorfreien Stahl aus einer basisch ausgefütterten, mit phosphorhaltigem Roheisen beschickten Bessemerbirne abzublasen. Beide Hüttenwerke hatten sich zur Ausnutzung des neuen Verfahrens zusammengefunden und kurz entschlossen schon am 26. April 1879 gemeinsam die sämtlichen Thomas-Patente für Deutschland und Luxemburg käuflich erworben. Zwar gab es noch einige Zeit hindurch Anfechtungen dieser Patente, aber der kluge Jurist Dr. Feodor Goecke wußte auf der ganzen Linie die Rechte der beiden Hüttenwerke zum Siege zu führen. Während es Gustave Pastor gelang, innerhalb weniger Monate die Einrichtungen der Meidericher Hütte so auszugestalten, daß schon im Sommer 1880 Tageserzeugungen von 60 – 70 Tonnen Thomasstahl erblasen werden konnten, und auf der Düsseldorfer Ausstellung von 1880 den Rheinischen Stahlwerken die große silberne Staatsmedaille zuerkannt wurde, nutzte Dr. Feodor Goecke das die Patentrechte der beiden zusammengeschlossenen Hüttenwerke feststellende endgültige Reichsgerichtsurteil zum Vorteil der Werke dadurch aus, daß er Lizenzen auf das Thomasverfahren nach und nach an alle deutschen und luxemburgischen Hüttenwerke zu gutem Preise vergab. Die Werksleitung schätzte damals den Wert ihrer nunmehr gesicherten und nach allen Seiten, z.B. auch durch den Ankauf der sogen. Harmet-Patente, ausgebauten Patentrechte auf etwa 2.500.000,- Mk., während die baren Anlagen für den Erwerb und die Sicherung noch nicht den zehnten Teil dieser Summe betragen hatte.

Gestützt einerseits auf die geordneten Kapitalverhältnisse und Finanzen, andererseits auf die Erfolge des neuen Thomas-Stahlverfahrens konnte die Gesellschaft sich wieder der technischen Ausgestaltung ihrer Betriebsanlagen widmen und daneben ihren Aktionären fortgesetzt befriedigende Dividenden ausschütten. Gewissermaßen als Abschluß des ersten Entwicklungszeitraums der Rheinischen Stahlwerke als reines Stahl- und Walzwerksunternehmen ist die von der außerordentlichen Generalversammlung am 16. März 1881 beschlossene Vereinheitlichung des Aktienkapitals anzusehen, das bis dahin seit den Maßnahmen der Sanierung aus Prioritätsaktien dreier verschiedener Gattungen bestanden hatte. Das neue Kapital wurde auf 4.650.000 Mark beziffert und von 1881 ab dauernd befriedigend, zum Teil sogar sehr gut verzinst, sodaß die Erinnerung an die Zeit des finanziellen Niedergangs bald ganz entschwand. ”

BARTHOLD  SUERM0NDT
Aus:         Protokoll über die Ausichtsrats-Sitzung vom 16. März 1887:

“Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem am 1. März verstorbenen Mitgliede Barthold Suermondt einen ehrenden Nachruf, in welchem er die großen Verdienste des Entschlafenen um die Gesellschaft von deren Entstehen an, sowie auch die ausgezeichneten persönlichen Beziehungen zu allen Mitliedern des Aufsichtsrates und des Vorstandes hervorhob, die ihm deshalb auch über das Grab hinaus ein dauerndes ehrenvolles und liebevolles Andenken bewahren werden.”

Aus:
Bericht des Aufsichtsrats für die ordentl. Generalversammlung  vom  12. Oktober 1887:

” Das vergangene Geschäftsjahr l886/87 hat uns durch das am 1. März 1887 erfolgte  Ableben unseres Aufsichtsrathsmitgliedes Herrn Barthold Suermondt aus Aachen einen schweren Verlust gebracht. Der Gesellschaft vom ersten Beginn an als Vorstands- und Aufsichtsrathsmitglied angehörend, mit allen Verhältnissen derselben aufs genaueste vertraut  wegen seiner reichen Erfahrungen, seines Unternehmungsgeistes, seiner genauen Kenntnisse der Großindustrie im Inlande und Auslande höchst angesehen, dabei von der  größten persönlichen Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit, war er uns ein Muster und Vorbild eines pflichttreuen und für das Wohl der Gesellschaft besorgten Collegen, dessen Andenken von uns und ,wie wir nicht zweifeln, von allen Betheiligten der Gesellschaft stets in Ehren gehalten wird. Sein Verlust wird namentlich für unsere auswärtigen Geschäfts-Betheiligungen außerordentlich schwer zu ersetzen sein …” [7]

Direktor Gustav Pastor

Wie der Generalversammlung vom 31. Oktober 1878 mitgeteilt wurde, kam Gustav Pastor vom Stahlwerk de ROSSIUS, PASTOR & CO., Angleur, Belgien, wo er Direktor war.

Bericht des Aufsichtsrates für die Generalversammlung vom 15. Oktober 1890:

“…..Ferner müssen wir zu unserem Bedauern mittheilen, dass Herr Direktor Gustav P a s t o r , welcher unmittelbar nach der Reorganisation unserer Gesellschaft im Frühjahr 1878 als technisches Vorstandsmitglied bei unserer Gesellschaft eingetreten ist, und dessen hervorragenden technischen Kenntnissen und ebenso grossem Fleiss und Eifer wir zum grössten Theil die guten Ergebnisse unserer Werke zu verdanken haben, uns, um sich zur Ruhe zu setzen, am 1. Oktober c. verlassen und in seine Heimath nach Belgien zurückkehren will. Unsere Bemühungen, ihn zur Hinausschiebung dieses Entschlusses zu bewegen und ihn wenigstens noch für einige Jahre unserm Werk zu erhalten, sind zu unserm Bedauern erfolglos gewesen, und es bleibt uns daher nur übrig, dem Herrn Direktor Pastor unser herzlichstes Bedauern über sein Scheiden und ihm zugleich auch an dieser Stelle für sein Wirken den herzlichsten Dank auszusprechen…”

(Nachfolger  wurde Otto Helmholtz vom Bochumer Verein.)

Gustav P a s t o r  schied mit Schluß des Geschäftsjahres 1911/12 aus dem Aufsichtsrat aus.

In der Generalversammlung am 20. September 1912 wurde ausgeführt:

“…Herrn Gustav Pastor, der mit der Rekonstruktion der Gesellschaft 1877/78 als technischer Leiter der Gesellschaft in den Vorstand berufen wurde und später nach der Niederlegung dieses Amtes in den Aufsichtsrat eintrat, hat unsere Gesellschaft die glänzenden technischen Leistungen zu verdanken, welche in allererster Linie eine kräftige Fortentwicklung auf der durch die Rekonstruktion geschaffenen Grundlage ermöglichten. Die praktische Durchführung des Thomasverfahrens auf unserer Hütte Meiderich, welche gleichzeitig mit Hörde die erste Thomascharge in Deutschland herstellte, hat der Stahlbereitung in Deutschland und dem ganzen Aufschwung der deutschen Stahlindustrie eine neue Grundlage gegeben und unserer Gesellschaft durch den Verkauf von Lizenzen auf das neue Verfahren erhebliche Gewinne zugeführt, sodass der Weiterausbau unserer Meidericher Hüttenanlage ermöglicht wurde…”

DER BRUDER  “RHEINSTAHL”  [8]

Hüttenwerke Ruhrort-Meiderich,

in diesem Doppelnamen spiegelt sich das Zusammenwachsen von zwei Teilen. Im Falle Ruhrort-Meiderich haben wir es mit einem solchen Prozeß des Zusammenwachsens zu tun, und zwar von den Anfängen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wörtlich verstanden, d.h. räumlich, geographisch, und erst viel später auch organisatorisch; technisch und wirtschaftlich. Greifen wir aber dem Gang der Dinge nicht vor; verharren wir zunächst noch bei den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, so müssen wir den Phoenix für einen Augenblick verlassen und uns dem zweiten Stamm zuwenden.

Gerade in jener Zeit des Übergangs zu neuen Verfahren der Massenstahlgewinnung hatte nämlich der Phoenix für seine Ruhrorter Hütte im Jahre 1870 einen Nachbarn erhalten. Auch bei diesem jüngeren Bruder waren es, wie beim Phoenix, Aachener Unternehmungsgeist und Aachener Kapital, die am Beginn des neuen Unternehmens standen und ihr Augenmerk auf die rechte Rheinseite, die Gegend nördlich von Duisburg, richteten. Und wieder waren es belgische und französische Verwandte und Freunde, die Kapitalien zur Verfügung stellten. Der Aachener Bankier Barthold Suermondt verkörperte schon in seinem Familienleben gewissermaßen das Band, das sich zwischen belgischem und deutschem Unternehmungsgeist schlang: Suermondt war in erster Ehe mit einer geborenen Cockerill verheiratet gewesen, einem Sproß der bekannten wallonischen Ingenieurs- und Unternehmerfamilie, deren Name heute noch in bedeutenden Betrieben weiterlebt. Er heiratete nach dem Tode seiner ersten Frau eine Tochter von Max Haniel, der seinerseits ebenfalls eine geborene Cockerill zur Frau hatte und selbst ein Glied einer ebenso berühmten deutschen Unternehmerfamilie war.

Suermondt gründete im Mai 1870 die Rheinischen Stahlwerke zu Meiderich unter der Firma “Société anonyme des Aciéries Rhénanes à Meiderich”, deren Grundkapital sich ungefähr zur Hälfte in deutschem, zur andern Hälfte in belgischem und französischem Besitz befand. Barthold Suermondt selbst übernahm den Vorsitz im ersten Verwaltungsrat, sein Bruder [9] William Suermondt die kaufmännische Leitung, und der aus Belgien stammende Ingenieur Georg Pastor erhielt die technische Führung.

Von Anfang an arbeiteten die Rheinischen Stahlwerke aufs engste mit einer anderen französischen Gesellschaft zusammen, der Société anonyme des Charbonnages du Rhin, die die Zechen  “Ruhr und Rhein” und “Westende” besaß. Bei beiden Gesellschaften war auch die Familie Haniel maßgeblich beteiligt. Für die Standortfrage spielte also bei den Rheinischen Stahlwerken die gleiche Überlegung eine Rolle wie fast zwanzig Jahre vorher beim Phoenix: Man wollte auf dem Brennstoff sitzen, man wollte das Eisen und die Kohle zusammenführen.

Der Aufbau der Rheinischen Stahlwerke, die zunächst ohne eigene Hochöfen, ohne eigenes Roheisen mit der Arbeit begannen, ging sehr rasch vonstatten. Im Herbst 1871 schon kam das Bessemer-Werk in Betrieb, kurz darauf gesellten sich das Hammerwerk und zu Beginn des Jahres 1872 die Walzwerke hinzu. In den nächsten Jahren erfolgte ein weiterer Ausbau, und nach dem Stand von 1875 umfaßte das Unternehmen bereits 15 sogenannte Schweißöfen, 6 Flammöfen, 15 Kupolöfen, 8 Konverter für Bessemer-Stahl, 9 Dampfhämmer, 3 Walzenstraßen, 8 Scheren, 33 Drehbänke. Hatte es mit 200 Mann Belegschaft im Jahre 1872 begonnen, so hatte sich diese Zahl bis Ende 1875 bereits vervierfacht. Das Jahr 1876 brachte eine Produktion von 33000 Tonnen, das nächste Jahr sogar bereits 44000 Tonnen Walzwerkserzeugnisse.

Gleich dem Phoenix bekamen freilich auch die Rheinischen Stahlwerke bald den schweren Wellengang der Konjunktur zu spüren. Schon sieben Jahre nach der Gründung, bald nach der Krise von 1875/76, mußte Rheinstahl finanziell saniert werden, weil in der Roheisenversorgung gewisse Fehldispositionen vorgenommen worden waren. Langfristige und teure Abschlüsse in ausländischem Roheisen – die Gesellschaft hatte immer noch keine eigene Roheisenproduktion – belasteten die Kalkulation, und 1876/77 mußten diese Verträge durch Zahlung einer für die damaligen Verhältnisse gigantischen Summe von 800.000 Mark abgelöst werden.

Bei der anschließenden finanziellen Reorganisation mit Kapitalzusammenlegung und Ausgabe von 4,5 Millionen neuen Vorzugsaktien fand die Gesellschaft tatkräftige Hilfe in der Person des damaligen Direktors des Rhein- und Ruhr-Kanal-Aktienvereins in Duisburg, Dr. Feodor Goecke, der später dreißig Jahre lang den Aufsichtsratsvorsitz der Rheinischen Stahlwerke innehatte. Zum technischen Leiter wurde nach der Reorganisation Georg Pastors Bruder, Gustav Pastor, berufen.

Für das allgemeine Milieu, in dem Rheinstahl als Nachbar des Phoenix empor wuchs, waren aber die sozialen und städtebaulichen Entwicklungslinien mindestens genau so wichtig wie die Technik und das Finanzielle. Die Hüttenwerksgründungen leiteten einen Bevölkerungsstrom ein, wie ihn die Gegend nie zuvor erlebt hatte. 1858 zählte die Gemeinde Meiderich kaum mehr als 6000 Bewohner, 1875 aber 12000 und bei der Jahrhundertwende fast 34000; 1895 war Meiderich mit rund 30000 Einwohnern das “größte Dorf” Preußens – rechtlich bis dahin wirklich noch ein Dorf, denn erst 1895 erfolgte die Erhebung in den Rechtsstatus einer Stadt.

Ruhrort nahm eine ganz ähnliche Entwicklung, wenngleich nicht in so rasantem Tempo, weil hier der dörfliche Charakter nicht so ausgesprochen war wie im Falle Meiderichs. Auch die Ruhrorter Bevölkerungszahl verdreifachte sich von 1853 bis 1900.

Menschenmassen und Menschenwerke veränderten in diesen Jahrzehnten das Gesicht der Landschaft zwischen Rhein, Ruhr und Emscher. Zyklopische Bauten wuchsen auf, nicht nur die Industriebetriebe selbst, nicht nur die Fabriken und die Wohnhäuser der Arbeitermassen, sondern auch Brücken und Mauern, die die Schlackenhalden eingrenzen mußten. Besonders an der Laarer Straße, die von Laar nach Meiderich läuft, entstanden mächtige Mauerwerke, die der Volksmund mit der Bezeichnung “Port Arthur” belehnte. Aus der Zeit geboren, in der die Kämpfe um die berühmte Festung das Interesse Europas auf den Kriegsschauplatz in Ostasien lenkten, hat sich der Name bis in unsere Tage hinein erhalten.

ERSTER THOMASSTAHL AUS MEIDERICH

Selten haben sich industrielle Erfindungen so rasch durchzusetzen vermocht wie das Verfahren, mit dem der Engländer Thomas die umwälzende Erfindung seines Landsmannes Bessemer vollendete. Kaum ein Jahr nach dem Bekanntwerden seiner neuen Methode stellten sich auch deutsche Stahlwerke schon auf die Stahlgewinnung in Thomaskonvertern um, und gerade die Rheinischen Stahlwerke in Meiderich waren es, die das Thomas – Verfahren in Deutschland einführten.

Welches Verdienst sie sich damit erwarben, zeigte sich bald: Mit Hilfe dieses Verfahrens stieg die deutsche Stahlerzeugung sprunghaft, und Deutschland ließ alle anderen Nationen mit Ausnahme der Vereinigten Staaten hinter sich. Ja, es kam schließlich so weit, daß die deutsche Stahlerzeugung die englische und die französische Produktion trotz des Verlustes der lothringischen Erze insgesamt um nicht weniger als 50 Prozent übertraf.

Als Markstein auf dem Wege zu diesem Erfolg verdient der 8. Mai des Jahres 1879 festgehalten zu werden. An diesem Tage nämlich weilten Gustav Pastor von den Rheinischen Stahlwerken, Meiderich, und sein Chefchemiker Dr. Otto Grass in der englischen Hauptstadt, um gleich mehreren anderen Leitern deutscher Stahlwerke und führenden Persönlichkeiten aus der französischen und belgischen Eisenindustrie an der Jahresversammlung des Eisen und Stahlinstituts in London teilzunehmen. In dieser Versammlung gab Thomas sein neues Stahlgewinnungsverfahren bekannt.

Gustav Pastor hatte bereits einige Wochen vorher mit Thomas Verhandlungen aufgenommen, um für die Rheinischen Stahlwerke die Lizenz auf die Thomas – Patente für Deutschland zu erwerben. Bei dieser Gelegenheit hatte Thomas jedoch die Bedingung gestellt, daß die Lizenz noch auf ein zweites deutsches Werk übertragen werden müsse. Dieses zweite Werk war der Hoerder Bergwerks – und Hüttenverein, damals ein selbständiges Unternehmen, das aber später in den Verband des Phoenix überging. Josef Massenez aus Hoerde, der seine Laufbahn als Ingenieur bei der Phoenix-Hütte in Ruhrort begonnen hatte und seit 1874 in Hoerde als Hüttendirektor tätig war, war ebenfalls nach England gekommen. Der Hoerder Verein und die Meidericher Hütte erwarben somit die Thomas-Lizenz gemeinsam, und zwar für Deutschland und Luxemburg. Ein entsprechender Vertrag wurde am 26. April 1879 unterzeichnet.

Fünf Monate später, Ende September 1879, lief in Meiderich der erste in Deutschland geschmolzene Thomasstahl aus dem Konverter, und ein halbes Jahr später erzielte das Stahlwerk Tagesleistungen von 6o-70 Tonnen, ein für die damaligen Verhältnisse unerhörter Fortschritt. Das Schicksal fügte es, daß am gleichen Tage, an dem in Meiderich der erste Thomasstahl produziert wurde, unverabredet auch in Hoerde die Erzeugung von Thomasstahl in Gang gesetzt wurde. “Rheinstahl” und “Phoenixstahl” (denn Hoerde sollte ja später zum Phoenix kommen) waren die Pioniere einer neuen Zeit deutscher Massenstahlproduktion – aber niemand konnte damals ahnen, daß die beiden Unternehmen ein halbes Jahrhundert später in viel engere Beziehungen treten würden.

Vorausgegangen waren bei den Rheinischen Stahlwerken schwierige Arbeiten vor allem in bezug auf die Auffindung eines geeigneten Materials für die Ausfütterung des Stahlkonverters. Dieses Futter der Birne stellte ja einen wesentlichen Teil der Thomas’schen Erfindung dar, aber es war in Deutschland schwierig, die richtigen Ausgangsstoffe für das Teer-Dolomit-Gemisch zu finden, mit dem die Konverter im Inneren versehen werden mußten. In kürzester Zeit mußte man eine große Anzahl von Dolomit-Vorkommen auf ihre chemische Struktur und ihre Eignung für die Konverter-Ausmauerung untersuchen. Es stellte daher eine bemerkenswerte Leistung dar, daß schon fünf Monate nach dem Abschluß des Lizenzvertrags die Produktion aufgenommen werden konnte.

Neben den technischen Strapazen liefen aber auch noch andere aufregende Vorgange ab, und zwar in der Sphäre der Juristerei. Teile der Thomas’schen Patente hatten in ihrer ungenauen Fassung Anlaß zu zahlreichen Anfechtungen gegeben. so daß der Schutz dieser Patente gegen die erhobenen Einsprüche eine recht wesentliche Begleiterscheinung der Einführung des Thomas – Verfahrens in Deutschland bildete. Vor allem J. Massenez und der Jurist Feodor Goecke (dieser hatte die Sanierung von Rheinstahl einige Jahre vorher erfolgreich durchgeführt), machten sich um die Patentprozesse und ihre glückliche Bewältigung verdient. Die Entscheidung, die das Patentamt in den Novembertagen des Jahres 1879 zu treffen hatte, charakterisierte Massenez in seinen 1909 geschriebenen Lebenserinnerungen folgendermaßen: “Wohl niemals vorher und nachher haben… vor dem Patentamt so umfassende mündliche Verhandlungen stattgefunden, und niemals sind… so wichtige, die Metallurgie des Eisens behandelnde Entscheidungen getroffen worden…”.

Die Vergebung von Unterlizenzen aus den durch diese Entscheidungen gesicherten Patenten sollte sich für die Rheinischen Stahlwerke selbst als eine erhebliche Einnahmequelle erweisen. Der Erwerb der Patente und die Prozeßkosten hatten etwa 200000 Mark erfordert, aber die Unterlizenzen brachten im Laufe der nächsten Jahre einen Betrag von rund 2,5 Millionen Mark ein, und da auch die Einrichtung des eigenen Thomas-Stahlwerks eine erfolgreiche Produktionsausweitung brachte, so sicherten sich die Rheinischen Stahlwerke mit dem rechtzeitigen Einsteigen in das neue Verfahren einen guten Vorsprung vor den Wettbewerbern.”

Mitglieder des Aufsichtsrats  (Verwaltungsrats)  der Gesellschaft

Lfd.   Name und Ort                                              Amtsdauer

                    Nr.                                                                        von    bis__   

1. Barthold Suermondt . .                            1870-1878    Präsident
2. Ingenieur Léon Donnat, Paris                   1870-1878    Vizepräsident,
3. George Pastor, Ruhrort                            1870-1878    Delegierter des
Verwaltungsrats
4. Fürst Augustin Galitzin, Paris                   1870-1878
5. Bankier Albert de Marc, Paris                  1870-1878
6. Graf A. V. L. de Rochechouart, Paris        1870-1878
7. Ingenieur  Adolphe de Vaux, Lüttich          1870-1878
8. Ingenieur Max Haniel, Ruhrort. .                1870-1878
9. William. Suermondt Ruhrort .   . .              1870-1878
1o. Henry Suermondt, Aachen.                        1870-1876
11. Georg Oeder, Düsseldorf,                          1877-1878
12. Gustave Pastor, Jemeppe                           1878-1911
13. Dr. Feodor Goecke, Duisburg.                   1878-† 6.4.1907   Vorsitzender
14. Emil Jamme, Lüttich                                  1878-1882
15. Ernest Nagelmackers  Lüttich                     1878- †15.8.1905
16. Barthold Suermondt, Aachen                      1878-† 1.3.1887
17. Engelbert Klingenberg, Ludwigshafen          1878-1878
18. Charles Smith, Barrow – Engl…                   1878-1880
19. Eduard Klein, Heinrichshütte b. Au              1878-†21.12.1901
20. Lambert Bicheroux, Bonn                            1878-1911    Vorsitzender seit 1907
21. Theodor Böninger  Duisburg                        1878-1904
22. Geh. Kommerzienrat Carl Röchling, Saarbr.  1878- 1896
23. Robert Suermondt, Aachen                          1887- †25.5.1919  Vorsitzender seit
1912
24. Dr. Arthur Salomonsohn, Berlin                    1902-†15.6.1930
25. Carl Fürstenberg, Berlin                               1902-1931
26. Otto Helmholtz, Bonn                                   1904-1912
27. Justizrat Julius Grosse-Leege, Aachen           1905-†31.7.1917
28. Oskar Friedrich, Wiesbaden .                        1907-†17.1.1930
29. Henry Nathan, Berlin                                    1911-†9.11.1932
30. Max von Rappard, Düsseldorf                       1911-†19.11.1922
31. Kommerzienrat Carl Viétor, Wiesbaden          1912-†12.7.1919
32. Bergass. Dr. Otto Krawehl, Essen         seit    1916-    Vorsitzender seit 1919
33. Dr. Bruno v. Waldthausen, Gersfeld Rhön      1916-†18.6.26
34. Bergass. Paul Stein, Recklinghsn.         seit     1917
35. Ernst Bischoff  Gelsenkirchen                        1917-†7.8.1933
36. Komm.-Rat Arnold Passmann, Meider.           1917- †17.11.1919
37. Walter Bürhaus, Düsseldorf                           1917-†30.5.1922
38. Dr. Lambotte, Aachen                      seit         1917
39. Theodor Wuppermann, Leverk.-Schleb. seit     1918
40. Komm.-Rat Morian, Hamborn-Neumuühl         1919-†13.1.1926
41. Hermann v. Waldthausen, Aachen                    1921-† 4.1.1926
42. Eugen v. Waldthausen, Essen              seit       1921
43. Geh. Kommerzienrat Müller, Essen                  1921-†30.10.1925
44. Dr. Gustav Cramer, Düsseldorf             seit     1921
45. Berghptm. a.D. Franz Liebrecht, Jugenhm.        1921-1929
46. Richard Bischoff, Duisburg                              1921-†24.5.1929
41. Otto Wolff, Köln                             seit           1921
48. Dr. Schlitter, Berlin                                         1922-1932
49. Geh.-Rat  Dr. Louis Hagen, Köln                      1922- †1.10.1932
50. Dr. Pferdmenges, Köln                                     1922-1930

Vorstand der Gesellschaft

Lfd.     Namen                                                              Amtsdauer  als
Nr.                                                                               ordentl.                     Stellv.

____                                                                             Mitglied                    Mitglied___________

1.        Max Barthold Haniel, Ruhrort                              1873-1878
2.        Henry Suermondt, Aachen                                   1876-1877
3.        Gustave Pastor, Meiderich                                  1878-1890
4.        Emil Goecke, später Geh.Kom.Rat, Meider.         1878-1910        †31.1.1910
5.        Otto Helmholtz, Meiderich                                  1890-1903
6.        Carl Viétor, Kommerzienrat, Wattenscheid           1900-1910
7.        Bergassessor a.D. Heinr. Althoff, Wattensch.       1907-1919         1902-1907
8.        Franz Müller, Meiderich                                      1903-1906
9.        Guido Plüschke, Meiderich                                 1906-1911
10.      Kurt Goecke, D.-Meiderich                                  1907-1911
11.      Gerichtsass. Dr.jur. Jacob Haßlacher, D-Ruhrort.   seit 1910
12.      Dr. Wilhelm Esser, D.-Meiderich.                         1911-1926
13.      Wilhelm Schulte, Duisburg                                   1912-1918
14.      Karl Herbrecht, Duisburg                                      1912-1920
15.      Generaldirektor Franz Brenner, Lintfort                  1917-1921
16.      Karl Filius, Duisburg                                            1918-1925          †10.10.1925
17.      Bergassessor a.D. Fritz Baum, Duisburg                 1924-1927               1918-1924
18.      Dr. Johann Becker, Duisburg                                 1920-1922
19.      Bergassessor. Woldemar Dill, Wattenscheid           1913-1930          †28.12.1930
20.      Robert Rauer, Duisburg                                         1914-1922

 

 

Anmerkungen:

1. Beilage zu Allgemeinen Zeitung, 1887. Nr. 90, München, Donnerstag, 31. März. Druck und Verlag der J.G.Cotta’schen Buchhandlung in Stuttgart und München.

2. Barthold war Schwiegersohn von John’s Bruder James Cockerill (!)

3. Bruder seines Schwiegervaters (!)

4. Suermondt war ab 1842 einer von fünf Administratoren (Direktoren). Mit seinen Brüdern war er der Haupterbe von John Cockerill und vertrat die Interessen der Kinder von James Cockerill. Der leitende Mann war Conrad Gustav Pastor, ein Vetter der Ehefrauen von John und James Cockerill.

5. Dr.jur. Jacob Haßlacher, Der Werdegang der Rheinischen Stahlwerke; Essen 1936

6. An dieser russischen Gesellschaft, gegründet 1885 in Kamenskoie, die zwei Hochöfen betrieb, war die “S.A. John Cockerill” ebenfalls maßgeblich beteiligt. Siehe: Suzy Pasleau: JOHN COCKERILL, ITINÉRAIRE D’UN Géant INDUSTRIEL, Editions du Perron, Alleur-Liege o.J. (1992), Seite 175;

7. Die Auszüge aus den Protokollen des Aufsichtsrates von RHEINSTAHL verdanke ich Frau Dr. Hedwig Behrens, der Archivarin der Firma THYSSEN AG, Duisburg, Muttergesellschaft der Thyssen Industrie AG, Nachfolgegesellschaft von RHEINSTAHL (August/Sept. 1962).

8. Auszug aus : Hundert Jahre Hüttenwerke Ruhrort-Meiderich Aktiengesellschaft Duisburg-Ruhrort: (Phoenix / Rheinstahl);  Verlag Hoppenstedts Wirtschafts-Archiv GmbH., Darmstadt (1952)

9. Es handelt sich um den SOHN William Suermondt, nicht Bruder!